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Bremen: Reicht das Erdgas für die Wende?

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Von: Martin Kowalewski

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Ein Blick aus der Luft auf den Heizkraftwerkstandort Hastedt: Links (mit rotem SWB-Logo) ist der stillgelegte Block 14 zu sehen. Daneben, grau, der Block 15, aktuell Erzeuger von Fernwärme aus Steinkohle. Davor wird am neuen, erdgasbetriebenen Blockheizkraftwerk gearbeitet.
Ein Blick aus der Luft auf den Heizkraftwerkstandort Hastedt: Links (mit rotem SWB-Logo) ist der stillgelegte Block 14 zu sehen. Daneben, grau, der Block 15, aktuell Erzeuger von Fernwärme aus Steinkohle. Davor wird am neuen, erdgasbetriebenen Blockheizkraftwerk gearbeitet. © swb

Was bedeutet angesichts des Krieges in der Ukraine knapp werdendes Erdgas für den Kohleausstieg in Bremen? Kann der Ausstieg überhaupt geschafft werden? Wie steht es um die Energieversorgung?

Bremen – Rund 25 000 Haushalte hängen am Steinkohle-Heizkraftwerk in Hastedt. Auch das Mercedes-Werk bezieht Fernwärme von dort. Ende des Jahres soll ein neues Heizkraftwerk an den Start gehen – betrieben mit Erdgas. Doch geht das überhaupt angesichts des Krieges in der Ukraine und der umstrittenen Gaslieferungen aus Russland?

Beide Kraftwerke des Bremer Energieversorgers SWB, der zum EWE-Konzern gehört, sollen nach jetzigem Planungsstand bis Mitte nächsten Jahres parallel laufen. Dann soll das Kohlekraftwerk vom Netz. So ist zumindest die Planung. Doch wird es überhaupt ausreichend Gas für das neue Heizkraftwerk geben? Vor dem Hintergrund des Ukraine-Kriegs scheint das alles andere als sicher zu sein.

SWB: Die Hälfte des Erdgases kommt aus Russland

Rund die Hälfte des in Deutschland bezogenen Erdgases stammt aus Russland, sagt SWB-Pressesprecher Friedhelm Behrens. Er unterscheidet in Sachen Gas-Bezug die Handelsbilanz von der physikalischen Bilanz. Letztere umfasse das im Netz zu beschaffende Gas, geliefert anhand dessen, was vorher an der Börse ausgehandelt wurde. „Sie können beispielsweise heute an der Börse Gas für die Zeitachse bis 2025 kaufen. Sie können das Gas dann 2022, 2023, 2024 oder auch erst ein paar Monate vor Ende des Zeitraums beziehen“, sagt er. „Wir versuchen, die Risiken über die Zeit zu verteilen.“

Auf Seiten der physikalischen Bilanz seien die Fernleitungsbetreiber für die Gasbeschaffung zuständig. „Wenn es nun kein russisches Gas mehr gibt, müssen wir etwa die Hälfte woanders her beschaffen. Das wird nicht kurzfristig gehen“, stellt der SWB-Sprecher klar. Im Normalfall würden die Gasspeicher in alten Salzstöcken über den Sommer gefüllt, damit die Gasversorgung im folgenden Winter gesichert sei.

Reicht das Erdgas für den Winter?

Heißt: Ob es im nächsten Winter knapp wird und die Menschen womöglich frieren müssen, hängt davon ab, ob bis dahin genug Gas in die Speicher gekommen ist. Komme es zu einer Mangelverwaltung, seien Privathaushalte besonders geschützt. „Wir gehen davon aus, dass wir die Kohlewende schaffen“, sagt Behrens. Kohle müsse derweil auf dem Weltmarkt beschafft werden. „Deutsche Steinkohle gibt es nicht mehr.“ Auch Flüssiggas aus den USA sei keine Lösung für den kommenden Winter aufgrund fehlender Terminals in Deutschland.

Dem russischen Erdgas kommt aber noch aus einem anderen Grund eine besondere Bedeutung zu. „Bei russischem Gas handelt es sich um High-Caloric-Gas. Das Gas aus den Niederlanden ist Low-Caloric-Gas“. Die Gas-Sorten unterscheiden sich anhand ihres Energiegehaltes. Thermen für High-Caloric-Gas könnten zwar auch Low-Caloric-Gas verbrennen, würden aber möglicherweise auf Störung schalten. Man könne L-Gas verdichten und so zu H-Gas machen. Das sei aber energieintensiv. Umgekehrt funktioniere das mittels Beigabe von Luft. Grund für weniger Gas aus Holland: „Aufgrund von Erdbeben wollen die Niederländer bis Ende des Jahrzehnts ihre Gas-Förderung drosseln“, sagt Behrens.

Wir erinnern uns: Aus diesem Grund sind im Land Bremen und „umzu“ in den vergangenen fünf Jahren alle erdgasbetriebenen Anlagen auf H-Gas umgestellt worden. Die Umstellung läuft bundesweit, Bremen war Vorreiter.

Friedhelm Behrens, Sprecher bei der SWB.
Friedhelm Behrens, Sprecher bei der SWB. © swb

„Es gibt ein paar L-Gas-Vorkommen in Niedersachsen“, sagt der SWB-Sprecher. H-Gas käme zudem aus Norwegen. „Die können ihre Förderung hochfahren, aber nicht rund 50 Prozent des Erdgasbedarfs von Deutschland decken. Es gibt ja schließlich auch noch andere Länder, die Gas brauchen.“

Heizen: „Ein Grad weniger spart rund sechs Prozent“

Die SWB unternehme große Anstrengungen in Sachen Fernwärmegewinnung aus Abfall. Dafür werde eine sieben Kilometer lange Fernwärmeleitung von der Uni in Horn über Schwachhausen in die Vahr gebaut. Auch soll künftig verstärkt industrielle Abwärme genutzt werden. Der Einsatz von Wasserstoff sei ebenfalls möglich. Zudem bereiten SWB, EWE und das Bremer Stahlwerk Arcelor-Mittal gemeinsam eine Elektrolyseanlage mit zwölf Megawatt Leistung für den Ersatz von Koks und Erdgas in eben dem Stahlwerk vor. Wasserstoff könne, so Behrens, auch künftig nur einen relativ kleinen Beitrag zum Heizbedarf leisten. „Aber auch das alles ist nichts für nächsten Winter“, so der Sprecher. Und sagt deutlich: „Wir können russisches Erdgas und Kohle nicht mit einer einzigen Energiequelle ersetzen.“

Doch was kann der Einzelne zu Hause tun? „Etwas, das kein Geld kostet: das Heizungsthermostat runterdrehen. Ein Grad weniger spart rund sechs Prozent.“ Beim Stoßlüften solle die Heizung kurz runtergestellt werden. Und: „Die Heizungstherme sollte gut eingestellt sein, damit sie effizient arbeitet.“

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