Kein Denkmalsturz: Eine Tafel ergänzt die umstrittene Smidt-Statue im Rathaus

Reibung durch vier Zeilen

Im Fokus der Medien: Rathaus-Hausmeister Jens Liermann bringt die Tafel an. ·
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Im Fokus der Medien: Rathaus-Hausmeister Jens Liermann bringt die Tafel an. ·

Bremen - Von Thomas KuzajDer Politiker, Bürgermeister und Bremerhaven-Gründer Johann Smidt (1773 bis 1857) gilt als bedeutender bremischer Staatsmann. Er ist ein Staatsmann mit Makel, denn er war ein erklärter Feind der Juden.

Die Erkenntnisse sind nicht neu, wurden aber in diesem Jahr „wiederentdeckt“ und auf politischer Ebene neu diskutiert. Ins Blickfeld geriet dabei die Marmorstatue Smidts, die im Rathaus steht – ausgerechnet am Eingang zum Zimmer des Bürgermeisters. Seit gestern hängt eine erklärende Tafel neben der Statue.

Das Hinweisschild ist das Ergebnis der langen Diskussionen. Offenbar hat sich niemand getraut, das Denkmal zu stürzen, sprich: es in den Keller zu stellen. Mehr als nur ein bisschen will man eben doch an Smidt festhalten.

„Diese Figur gehört ins Rathaus“, sagte Bremens Denkmalpfleger gestern, Professor Georg Skalecki. Der Bremer Bildhauer Carl Steinhäuser (1813 bis 1879) hatte sie 1848 in Rom geschaffen. Gefragt ist nun das, was man differenzierte Betrachtung nennt. Die Statue soll bleiben, aber nur mit Plakette – das war das Ergebnis einer Podiumsdiskussion im Rathaus, zu der Bürgermeister Jens Böhrnsen (SPD) vor einigen Wochen eingeladen hatte.

„Die Wiederherstellung und langfristige Sicherung der staatlichen Unabhängigkeit Bremens“, so heißt es in einer Erklärung der Senatskanzlei, sei mit Smidts Namen „eng verknüpft“.

Und: „Weniger präsent in der Öffentlichkeit ist seine antidemokratische und antijüdische Einstellung. Johann Smidt hatte auf dem Wiener Kongress wesentlich dazu beigetragen, dass die unter französischer Verwaltung gewährte Ansiedlungsfreiheit für Juden ab 1815 deutschlandweit wieder rückgängig gemacht werden konnte. Smidt hatte sich sodann sehr dafür eingesetzt, dass jüdische Familien wieder aus Bremen vertrieben wurden.“

Nach der Völkerschlacht bei Leipzig gehörte Smidt anno 1813 zu jenen, die mit dem russischen Generalmajor Freiherr Friedrich Karl von Tettenborn (1778 bis 1845) über die Neugründung des Bremer Staates verhandelten. Smidt war dann von 1821 bis 1857 Bürgermeister in Bremen – mit Ausnahme der „Revolutionsjahre“ 1849 bis 1852. Die „völlige Austreibung der Kinder Israels“ war für ihn eine „angelegentliche Staatssorge“. Der Bürgermeister hielt Juden für einen „Fremdkörper in einem christlichen Staatswesen“.

Auf der Plakette, die seit gestern neben der Statue hängt, sind zwei Absätze zu lesen. Der längere (neun Zeilen) würdigt Smidts Leistungen. Vier Zeilen sind den „Schattenseiten seines Handelns“ gewidmet.

Genügt das? Durchaus, sagt Skalecki. Durch die Tafel gebe es nun die Möglichkeit, sich an der Figur „intellektuell zu reiben“. Hätte man die Statue fortgeschafft, wäre das nicht möglich – und mithin „eine gewisse Zensur“. Skalecki: „Man reibt sich am ehesten an etwas, das man sieht.“

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