Becherklau konterkariert Einwegzuschlag und Nachhaltigkeitsbestrebungen

Die Quadratur des Kreises

Thermobecher, Porzellanbecher und Einwegbecher im Café Central an der Bremer Universität. Foto: STUDIENRENWERK BREMEN

Bremen - Von Jörg Esser. Der Einsatz für mehr Nachhaltigkeit hat seine Tücken. Der Teufel steckt im Detail. Das hat das Studentenwerk Bremen erfahren, das politisch korrekt Studierendenwerk heißt.

Seit 2017 wird in den Cafeterien und Mensa in den öffentlichen Hochschulen des Landes Bremen ein Aufschlag von 20 Cent für jedes Heißgetränk im Einwegbecher erhoben. Das hat sich ausgezahlt, auf den ersten Blick zumindest: Die Maßnahme habe zu einer Reduktion der Einwegbecher um mehr als 80 Prozent (im Vergleich zum Basisjahr 2016) geführt. Aber in jenem Zeitraum seien auch doppelt so viele Porzellanbecher wie zuvor entwendet worden, sagt Maurice Mäschig, Referent für Kommunikation und Kultur beim Studentenwerk.

Und: „Die regelmäßige Ersatzbeschaffung von Porzellanbechern, in der Größenordnung wie sie seit der Einführung des Mehrpreises für Einwegbecher notwendig ist, ist nicht sehr nachhaltig.“ Anders ausgedrückt: Die zusätzlichen Beschaffungskosten von 2 500 bis 3 000 Euro werden zwar durch den Einwegaufschlag ausgeglichen, aber der Becherklau konterkariert die Nachhaltigkeitsbestrebungen.

Zurück zu den Zahlen: Im Jahr 2016 wurden in den Mensen und Cafeterien an den Bremer Hochschulen 398 000 Einwegbecher ausgegeben. Im Jahr 2017, in dem ab Mai ein Aufschlag von 20  Cent erhoben wurde, waren es noch 243 000. Die Zahl sank 2018 auf 146 000 Einwegbecher und 2019 auf 67 000. „Gleichzeitig mussten zunehmend mehr Porzellanbecher nachbestellt werden, da diese aus den Cafeterien und Mensen mitgenommen und in relevanter Menge nicht wieder zurückgebracht werden“, heißt es. Mussten 2016 noch rund 2 500 Porzellanbecher neu beschafft werden, stieg diese Zahl 2017 auf fast 6 000. Zur Vorbereitung auf das erste vollständige Jahr mit Preisaufschlag auf Einwegbecher wurden im Jahr 2018 über 8 300 Porzellanbecher neu beschafft. Im Jahr 2019 lag die Notwendigkeit der Neubeschaffung auf einem weiterhin hohen Wert von fast 6 000 Bechern. Das wirkt wie eine Quadratur des Kreises.

„Es freut uns, dass wir durch den Preisaufschlag für Einwegbecher einen weiteren Beitrag zu mehr Nachhaltigkeit leisten“, sagt Anke Grupe-Markschat, Leiterin der Hochschulgastronomie im Studentenwerk. Es sei durchaus ein Bestreben, grundsätzlich auf Einwegbecher zu verzichten. „In Anbetracht der bereits jetzt hohen Verlustrate und der dadurch notwendigen Neubeschaffung von jährlich mehreren tausend Porzellanbechern würde hierdurch aber ein anderes Nachhaltigkeitsproblem verstärkt werden.“

Plakataktionen und Aufrufe in den sozialen Netzwerken zum Zurückbringen der Porzellanbecher blieben laut Grupe-Markschat erfolglos. Ein Pfandsystem führe zu Mehraufwand beim Personal, für eine automatisierte Becherannahme fehlten die notwendigen Flächen. „Wie bei vielen Nachhaltigkeitsthemen setzen wir Anreize zu mehr Nachhaltigkeit, sind aber von verschiedenen Umständen betroffen, die wir nicht beeinflussen können. Erschwerend kommt hinzu, dass wir uns durch eigenständig umgesetzte und uns sehr wichtige Nachhaltigkeitsmaßnahmen selbst Wettbewerbsnachteile schaffen“, sagt Grupe-Merkschat. Sie fordert politische Unterstützung und mehr Unterstützung durch die Hochschulen.

Als hochschulunabhängiger sozialer Dienstleister für die Studenten der öffentlichen Hochschulen im Lande Bremen betreibt das Studentenwerk Bremen als Anstalt des öffentlichen Rechts neun Mensen und Cafeterien an den Hochschulstandorten, sowie eine Interimsmensa am Standort an der Hochschule für Künste.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Norbert Röttgen: "Es geht um Positionierung der CDU"

Norbert Röttgen: "Es geht um Positionierung der CDU"

Biathlon-WM 2020: Die besten Bilder aus Antholz

Biathlon-WM 2020: Die besten Bilder aus Antholz

Die Themen der Reisemesse ITB

Die Themen der Reisemesse ITB

Neue Dokumente: Willkürliche Inhaftierung von Uiguren

Neue Dokumente: Willkürliche Inhaftierung von Uiguren

Meistgelesene Artikel

In Bremen entsteht viertes Hospiz - Bauantrag bereits gestellt

In Bremen entsteht viertes Hospiz - Bauantrag bereits gestellt

Raubüberfall in Bremen: Maskierter Mann erbeutet Bargeld und flüchtet

Raubüberfall in Bremen: Maskierter Mann erbeutet Bargeld und flüchtet

Maskierte Männer überfallen Discounter und bedrohen Kassierer mit Messer

Maskierte Männer überfallen Discounter und bedrohen Kassierer mit Messer

Tödlicher Betriebsunfall: Gerüstbauer stürzt von einem Dach ab

Tödlicher Betriebsunfall: Gerüstbauer stürzt von einem Dach ab

Kommentare