Prozess um tödliche Messerstiche auf Sportplatz: Gutachten geben Einblick in die Kindheit der Angeklagten

Schmerzliche Reise in die Vergangenheit

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Jan G. (vorne) gilt vor Gericht als treibende Kraft. Er soll den 15-jährigen Schüler Rolf S. auf einem Sportplatz in Gröpelingen mit 27 Messerstichen umgebracht haben.

Bremen - Von Steffen Koller. Rolf S. war erst 15 Jahre alt, als er brutal aus dem Leben gerissen wurde. Von drei Jugendlichen auf einem Sportplatz zusammengeschlagen, liegengelassen und mit mehr als 20 Messerstichen getötet, ist diese Tat für Beobachter schier unfassbar. Doch wer sind diese zwei jungen Männer und das Mädchen, die sich vor dem Landgericht Bremen wegen Mordes und schwerer Körperverletzung verantworten müssen? Was hat sie getrieben, woher nur dieser Hass?

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Es ist eine Reise in die Vergangenheit. Eine Reise, die auch für die Angeklagten sehr schmerzlich wird. Sie werden – so hat es den Anschein – mit dem konfrontiert, was sie durch Alkohol und Drogen über Jahre versucht hatten zu vergessen. Doch es ist notwendig. Das Gericht muss klären, warum Jan G. (20), Fabian W. (18) und Sandy B. (18) den Schüler schwer misshandelten und schließlich umbrachten. Dass sie es getan haben, haben sie eingeräumt. Wie berichtet, legte am Montag Jan ein umfassendes Geständnis ab. Darin gab er zu, den Schüler er-stochen zu haben, aus Angst, dieser könnte die brutale Prügelattacke, die alle drei vorher begangen hatten, zur Anzeige bringen. Bereits in der vergangenen Woche waren Sandy und Fabian geständig.

Will man verstehen, wie Jan, der mutmaßliche Haupttäter, aufwuchs, muss man weit zurückschauen. Nach Angaben eines Jugendgerichtshelfers, der Jan seit 2009 betreut hat, leidet der Angeklagte am „Fetalen Alkoholsyndrom“. Übersetzt: Der 20-Jährige ist durch regelmäßigen Alkoholkonsum seiner Mutter während der Schwangerschaft bereits vor seiner Geburt quasi zum Alkoholiker gemacht worden. Seinen Vater lernte er nie kennen, einen Schulabschluss hat er nicht. Schon in der Grundschule sei Jan „gewalttätig aufgefallen“, später zeigte er sich „sexuell übergriffig“, so das Gutachten. Jans Intelligenzquotient liege bei 68, führt das Gutachten weiter aus. Somit leide er an einer „leichten geistigen Behinderung.“ Doch sind diese Fachbegriffe, die über eineinhalb Stunden durch den Gerichtssaal hallen, eine Erklärung für ein so brutales Vorgehen? Aus juristischer Sicht sind sie essentiell, denn es gilt zu klären, ob die Angeklagten nach Jugend- oder Erwachsenenstrafrecht zu verurteilen sind. Beide Jugendgerichtshelfer kommen zu dem Schluss, dass Jan und Fabian „keinesfalls“ auf dem geistigen Stand eines Erwachsenen sind. Für Sandy steht die Verlesung des Gutachtens noch bevor.

Bei Fabian wird im Alter von zwei Jahren das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom diagnostiziert, auch sein Bruder und der Vater leiden daran. Wutausbrüche, Aggressionen und hohe Gewaltbereitschaft prägen den Alltag des heute 18-Jährigen. Bereits mit zehn Jahren wird Fabian in eine psychiatrische Klinik eingewiesen, alle „klassischen Jugendhilfeangebote waren nicht ausreichend“, heißt es über ihn.

Zeigten sich Fabian und Jan während der ersten Prozesstage von ihrer unnahbaren Seite und grinsten provokativ ins Publikum, so vergraben sie jetzt ihre Gesichter in den Händen. Sie wippen nicht nervös hin und her und kauen auch nicht, wie sonst, auffällig cool ihre Kaugummis. Es scheint so, als sei ihnen zum ersten Mal seit langem bewusst, wie es sich anfühlt, hilflos und ausgeliefert zu sein.

Für die Eltern von Rolf ist dies wohl nur ein sehr schwacher Trost.

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