Anklage fordert lebenslange Haft, Verteidigung Freispruch

Tod im Supermarkt: Mord oder Notwehr?

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Die Staatsanwaltschaft hat am Montag eine lebenslange Haftstrafe für den Angeklagten (3.v.l.) gefordert. Neben ihm seine Verteidiger Martin Stucke (von links) und Marco Lund. Ganz rechts im Bild: der Vorsitzende Richter Helmut Kellermann.

Bremen - Von Steffen Koller. Mord auf der einen Seite, Notwehr auf der anderen: Gegensätzlicher hätten sie nicht sein können, die Plädoyers im Prozess um die tödlichen Schüsse in einem Oslebshauser Supermarkt. Während die Staatsanwaltschaft am Montag eine lebenslange Haftstrafe für den Angeklagten René A. forderte, plädierten die Anwälte des 31-Jährigen auf Freispruch. Im Kern wird es für das Bremer Landgericht wohl darum gehen, wie labil die Psyche des Angeklagten am Tattag war.

Dass er an Angststörungen litt, war kein Geheimnis. Bereits seit 2010 waren die Attacken ein stetiger Begleiter in seinem Leben. Er verkroch sich in seiner Wohnung. Einmal, so berichtete es seine Schwester während der Beweisaufnahme, sei er in den Urlaub gefahren – unter großen Anstrengungen stieg er damals überhaupt in das Flugzeug. Anstatt Hilfe in Anspruch zu nehmen, schluckte der heute 31-Jährige Pillen. 

Sein Anwalt Martin Stucke sagte am Montag: „Tabletten statt reden, dann kiffen statt Tabletten.“ Geholfen hatte womöglich nichts davon. Glaubt man der Argumentation der Verteidigung im Fall der tödlichen Schüsse auf einen 25-Jährigen in einem Rewe-Markt am Kalmsweg, so hatte der Angeklagte – zumindest aus seiner subjektiven Sicht – gar keine andere Wahl, als seinen Cousin aus der großen Sinti-Familie mit fünf Schüssen niederzustrecken.

Als „super ängstlich“ und „angepasst“ beschrieb Anwalt Stucke seinen Mandanten. Jemand, der nie aggressiv gewesen sei und schon gar nicht als jemanden, der den Tod des jungen Mannes geplant habe. „Eine Planung war in keinster Weise erkennbar.“ Ganz anders die Argumentation von Staatsanwältin Wiebke Kaiser. Sie sprach in ihrem Schlussvortrag von heimtückischem Mord, von einem Mann, der Wochen vor der Tat Schießübungen im Wald abhielt, seine Waffe immer bei sich trug und bereit war, diese auch einzusetzen. 

Ihrer Ansicht nach begab sich der 31-Jährige am 2. November kurz nach 10 Uhr in den Rewe-Markt, als er auf das spätere Opfer sowie zwei Begleiter traf. Zwischen dem Aufeinandertreffen von Opfer und Täter und den tödlichen Schüssen vergingen gerade einmal 14 Sekunden. 14 Sekunden, in denen René A. fünf Schüsse aus nächster Nähe auf seinen Cousin abfeuerte. Vier Kugeln trafen den Mann, eine halbe Stunde später starb er im Kassenbereich des Geschäfts.

Streit um verschwundene Köder

Monate zuvor hatte sich René A. mit einem seiner Cousins nach einem Angelausflug wohl um verschwundene Köder gestritten. A. sei vom Angelteich geflohen, nachdem sein Cousin ihn mit einer Machete bedroht haben soll. Dieser Streit loderte, Gerüchte und Spekulationen kamen auf, der Cousin würde A. umbringen wollen. Der Angeklagte verkroch sich immer mehr – bis zu jenem 2. November. Nach Auswertung der Überwachungskameras hat laut Staatsanwältin Kaiser nie eine Gefahr für A. bestanden. 

Mehrere Zeugen sagten zudem, beim späteren Opfer nie eine Waffe gesehen zu haben. Doch davon, so die Verteidigung, sei ihr Mandant aufgrund seiner Angststörungen und der Vorgeschichte fest ausgegangen. Für Kaiser hingegen sind die Aussagen des 31-Jährigen, die er ausschließlich gegenüber einem psychiatrischen Gutachter machte, „bloße Schutzbehauptungen“.

Das Schwurgericht unter Vorsitz von Richter Helmut Kellermann hat nun bis Mittwoch, 13. Juni, Zeit, eine Entscheidung zu fällen. Um 15 Uhr soll das Urteil verkündet werden. Der Angeklagte selbst schwieg bis zuletzt.

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