Die Zweifel bleiben

Freisprüche im Harms-Prozess - Vorwurf einseitiger Ermittlungen

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Bremen - Von Ralf Sussek. Mal ein wiederholtes Kopfschütteln, mal ein Lächeln für die Kameras: Mit einem Freispruch endete am Freitag der Prozess gegen den Inhaber und Geschäftsführer von „Harms am Wall“, Hans Eulenbruch, und seinen Bekannten Thomas M.

Doch die Verbitterung bleibt – über einen Prozess, der ihn viel gekostet und fast um alles gebracht hat. Auch das ist einer der Gründe, warum die Richter der Siebten Großen Strafkammer des Bremer Landgerichts Eulenbruch nicht verurteilt haben. Eulenbruch hatte gerade einen Prozess gegen den Vermieter von „Harms am Wall“ gewonnen, um das an vielen Stellen marode Haus auf Kosten des Vermieters renovieren zu dürfen. 

Gleichzeitig lief ein Sonderverkauf zum 150-jährigen Jubiläum von „Harms am Wall“. Eine Brandstiftung zu diesem Zeitpunkt? „Er hätte sich selbst geschädigt“, sagt die Vorsitzende. Sie zählt in ihrer Urteilsbegründung all das auf, was gegen und für die Angeklagten sprach.

Gericht zählt Pro-/Contra-Argumente auf

Einerseits die stete Einlassung Eulenbruchs von den Räubern, die ihn überfielen und in eine Toilette sperrten, andererseits seine Weigerung, eine Speichelprobe und sein Handy der Polizei herauszugeben; einerseits seine Schilderung, die sich „in bestimmten Punkten bestätigt“ hat, andererseits das unprofessionelle Vorgehen der Räuber, die Bargeld von bis zu 10.000 Euro erbeutet haben sollen. 

„Die Kammer geht nicht von Räubern aus“, erklärt die Vorsitzende. Was aber auch heißt: Den Tätern kam es auf den Brand an, nicht auf den Überfall. Hätten sie sonst so viele Grillanzünder dabei gehabt, um auf mehreren Etagen Feuer zu entfachen? „Es ging um die vollständige Zerstörung von Ware und Gebäude“, glaubt das Gericht. 

Und das wiederum spricht für Eulenbruch, der am Verbrennen seiner Ware kein Interesse haben konnte – ebenso wenig wie daran, dass das Gebäude, für das er einen langjährigen, günstigen Mietvertrag besaß, abgerissen werden muss. Eulenbruch nickt.

Tränen rollen bei Eulenbruch

Immer mal wieder, wenn seine Einlassung zitiert wird. Und er zeigt Gefühle, wenn die Ereignisse des Abends des 6. Mai 2015 vorgetragen werden. Tränen rollen. Währenddessen erwähnt die Vorsitzende Telefondaten, die Eulenbruch aus seinem Smartphone löschte. 

Vertuschung, hat die Staatsanwaltschaft gefolgert, Versehen, hat sein Verteidiger gekontert. Auch die anderen Beweismittel der Anklagebehörde reichen dem Gericht für eine Verurteilung nicht aus; sie sind im Laufe des Verfahrens entkräft worden. 

Insbesondere möchte die Kammer nicht das Verhalten der Angeklagten gegenüber Ermittlern oder beim und nach dem Brand beurteilen. „Da ist größte Vorsicht geboten“, sagt die Vorsitzende. Mutmaßungen hat es während der Ermittlungen und im Prozess ja auch genug gegeben. „Die Angeklagten waren aufgrund der bestehenden Zweifel freizusprechen.“ Die Staatsanwaltschaft zweifelt auch.

Staatsanwälte nicht von Unschuld überzeugt

„Wir sind von der Unschuld der Angeklagten nicht überzeugt“, hat Staatsanwalt Jan Möhle in seinem Plädoyer gesagt, Oberstaatsanwalt Frank Passade wiederholte das am Freitag. Hans Eulenbruch erneuert derweil vor laufenden Kameras seinen Vorwurf der einseitigen Ermittlungsarbeit: „Ich bin überfallen worden. Ich habe ein Recht darauf, dass versucht wird, den Täter zu finden.“ Das sieht die Staatsanwaltschaft wohl anders.

Kommentar: Es bleibt immer etwas hängen

Von Ralf Sussek.

Ein aufsehenerregender Prozess ist gestern zu Ende gegangen, ja man kann – weil Rechtsmittel nicht zu erwarten sind – sogar sagen, hat sein juristisches Ende gefunden. Gewinner gibt es keine. Der freigesprochene ehemalige „Harms-am-Wall“-Geschäftsführer Hans Eulenbruch ist nicht ruiniert – aber fast. 

Er hat Hab und Gut eingesetzt, um sein Geschäft weiterzuführen und seine Verteidigung zu finanzieren. Er war Anfeindungen ausgesetzt. Sein Vater starb, während er in Untersuchungshaft saß. Seine Familie hat, nach allem, was man weiß, schwer unter den Ermittlungen gelitten. Der Strafprozess endete am Freitag. 

Das Leiden aber geht weiter. Dasselbe gilt auch für den mitangeklagten Thomas M. Denn trotz Freispruchs: Es bleibt immer etwas hängen. Natürlich, Menschen machen Fehler. Journalisten wie unser einer, Mediziner wie die behandelnden Ärzte von Ivan Klasnic, Polizeibeamte, Staatsanwälte und Richter wie in diesem Verfahren. 

Eine derartige Häufung von individuellen und handwerklichen Fehlern muss allerdings die Frage aufwerfen, ob dies noch Zufall sein kann. Polizeibeamte haben einseitig ermittelt oder, um im korrekten Sprachgebrauch zu bleiben, haben sich zu früh auf die beiden Angeklagten festgelegt. 

Entlastende Zeugenaussagen wurden ignoriert, belastende Angaben ungeprüft übernommen. Gerüchte und Halbwahrheiten fanden den Weg in die Akten – und so in die Welt. Die Polizei hat sogar, ohne das Wissen des federführenden Staatsanwalts, eine Sachverständige mit einem Gutachten beauftragt. 

Statt das Verfahren wieder an sich zu ziehen, erhob der Staatsanwalt mit den von der Polizei zusammengetragenen „Beweisen“ Anklage. Er beantragte auch die Untersuchungshaft für die beiden Angeklagten. Während der erste Haftrichter den Antrag abschmetterte, gab später ein zweiter Haftrichter dem Antrag statt. Bei annähernd identischer Sachlage. Auch kein Ruhmesblatt für die Justiz. 

Die Richter der Siebten Großen Strafkammer haben mit ihrem Urteil letztlich verhindert, dass dieses Verfahren auch am Ende zu einem Fiasko geriet. Aber Polizei und Justiz sollten sich vergegenwärtigen, dass trotz des Freispruchs das Vertrauen in eine unabhängige, unbestechliche Polizei und Justiz erschüttert ist. Wie das eben so ist: Es bleibt immer etwas hängen.

Zum Thema:

Harms: Staatsanwaltschaft und Verteidigung plädieren auf Freispruch

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