Aussage zum Tattag

Prozess um Bremer Pfleger: Ex-Kollege berichtet und zeigt sich „schockiert“

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Im Pflegezentrum am Doventor unweit der Innenstadt soll der Angeklagte einer 75-jährigen Seniorin Insulin verabreicht und sie so in einen lebensbedrohlichen Zustand versetzt haben, heißt es in der Anklage. Nach Bekanntwerden der Vorwürfe ging die Einrichtung sehr offen mit der Situation um. Das 2006 eröffnete Heim gehört zu den von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel mit Hauptsitz in Bielefeld und zum Diakonischen Werk in Bremen.

Mit der Aussage eines ehemaligen Kollegen des seit Oktober wegen gefährlicher Körperverletzung angeklagten Pflegehelfers ist am Mittwoch der Prozess gegen einen 39-jährigen Mann am Landgericht Bremen fortgesetzt worden. In seinen Ausführungen schilderte der Zeuge das Geschehen, als eine Seniorin (75) durch das mutmaßlich vorsätzliche Verabreichen von Insulin fast ums Leben gekommen wäre.

Bremen - Von Steffen Koller. Ursprünglich war für diesen zweiten Verhandlungstag eine Einlassung des Angeklagten vorgesehen. Doch da dem Mann möglicherweise mindestens drei weitere Taten zur Last gelegt werden und die Ermittlungsakten noch nicht von allen Verfahrensbeteiligten durchgesehen wurden, lud die Kammer einen ehemaligen Kollegen des Pflegehelfers in den Zeugenstand. Der 28-Jährige sagte, er sei nur an zwei Wochenenden im März dieses Jahres durch eine Zeitarbeitsfirma im Pflegezentrum am Doventor eingesetzt gewesen.

Am vorletzten Tag, dem 30. März, war der Zeuge nach eigener Aussage zusammen mit dem Angeklagten und zwei weiteren Angestellten unter anderem für die sogenannte Behandlungspflege zuständig.

Prozess um Bremer Pfleger: Frau in Lebensgefahr

Zu seinen Aufgaben, so der Zeuge, gehörte auch die Insulingabe an bestimmte Bewohner – das spätere Opfer sei nicht dabei gewesen. Die Frau habe weder schlechte Blutzuckerwerte gehabt noch sei sie Diabetikerin gewesen. Dennoch sank gegen kurz vor 10 Uhr der Blutzuckerspiegel der Frau bedenklich. Erste Tests – womöglich vom Angeklagten durchgeführt, obwohl dies nicht zu seinen Aufgaben gehörte – ergaben einen Wert von etwa 35 Milligramm pro Deziliter. Normal sind Werte von 70 bis 120.

Die Frau, die nach mehreren Schlaganfällen bereits in einem instabilen Zustand war und durch den Zeugen als „krampfend“ und „leicht blau“ beschrieben wurde, schwebte in Lebensgefahr. „Ihr Zustand war überhaupt nicht gut.“ Beide Pfleger hätten sich sofort geeinigt, den Notarzt zu verständigen.

Als die Ersthelfer eintrafen, lag der Blutzuckerwert laut Gerichtsakten bereits bei 16. Das sei auch dem Notarzt sofort aufgefallen, der den Zeugen nach seiner Erinnerung noch vor Ort ansprach und fragte: „Habt Ihr der Frau Insulin gegeben? Dieser Wert ist nicht möglich, ohne dass jemand Insulin gespritzt hat.“

Zeuge berichtet von fehlendem Insulin

Dem Zeugen sei zunächst – auch aufgrund der angespannten Notfallsituation – nichts Merkwürdiges aufgefallen. Im Nachhinein erschien es ihm jedoch ungewöhnlich, dass der Angeklagte am mutmaßlichen Tattag wohl ein Blutzuckermessgerät dabei hatte, obwohl die Frau keinerlei Anzeichen für Diabetes aufwies. Zudem habe die Nachtwache ihn am Folgetag darauf angesprochen, ob er Bewohnern ein sogenanntes Langzeit-Insulin verabreicht hätte. Denn: Wie sich herausgestellt habe, fehlte eine „große Menge“ des Hormons. Und niemand konnte sich zunächst erklären, warum. „Da war ich schockiert“, so der Zeuge.

Den Angeklagten, der auf Beobachter während des Prozesses zusehends verwirrt wirkt und augenscheinlich mit sich selbst spricht, hat der 28-Jährige als ruhigen und wortkargen Menschen kennengelernt, wie er sagt. Umso mehr habe es ihn gewundert, dass der 41-Jährige mehrfach sinngemäß gesagt habe: „Die anderen Kollegen brauchst Du nicht zu fragen, ich kenne mich hier aus.“

Häufig habe der Angeklagte in den zwei Tagen schlecht über andere Angestellte des Pflegeheims gesprochen – und umgekehrt. So soll eine Kollegin am mutmaßlichen Tattag über den Pflegehelfer, der sich gerade in den Feierabend verabschiedete, gesagt haben: „Gott sei Dank, ist der weg.“

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