„Der Bedarf ist unstrittig“

Behinderte Menschen und Krebs: Pilotprojekt will aufklären und sensibilisieren

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Carolin Hauer, Projektverantwortliche, und Dr. Reinhard Hübotter, Vorstand der Bremer Krebsgesellschaft.

Bremen - Von Steffen Koller. Die Diagnose ist meist ein Schock. Jährlich erkranken in Bremen etwa 4000 Menschen an Krebs. Vielen kann geholfen werden, weil sie Vorsorgetermine frühzeitig wahrnehmen. Anders ist die Situation bei Menschen mit Behinderung. Aufklärung findet zum Teil nicht statt oder ist schlicht zu kompliziert. Ein deutschlandweit einzigartiges Pilotprojekt der Bremer Krebsgesellschaft will nun Abhilfe schaffen. Am Mittwoch wurde es vorgestellt.

Dr. Reinhard Hübotter kennt die Situation nur zu gut. Einmal wöchentlich richtet er für Patienten eine Sondersprechstunde ein, um ihnen „überdurchschnittlich viel Zeit einzuräumen“. Dann kommen Menschen mit Behinderung in seine Praxis. Menschen, die genau wie jeder andere an Krebs erkranken können – nur mit dem Unterschied, dass sie „deutlich weniger“ aufgeklärt seien als der Rest der Bevölkerung, sagte der Urologe. Häufig wüssten Behinderte gar nicht, was Krebs ist, welche Formen es gibt und was dagegen getan werden kann. Die Bremer Krebsgesellschaft will mit einem bundesweit einzigartigen Pilotprojekt diesem Phänomen entgegenwirken.

Mit dem Inklusionsprojekt, das auf drei Säulen aufgebaut ist, sollen zum einen Betreuer für das Thema sensibilisiert werden. Sie sind oft die engsten Bezugspersonen von behinderten Menschen und somit diejenigen, die als erstes auf eine mögliche Erkrankung aufmerksam werden. Ein zweiter wesentlicher Bestandteil des Projekts ist die Erstellung von umfangreichem Informationsmaterial in „Leichter Sprache“.

„Gerade komplizierte und hochemotionale Sachverhalte“, so Projektleiterin Carolin Hauer, könnten so geistig behinderten Menschen nähergebracht werden. Spätestens Anfang 2020 sollen, so sieht es der Projektplan vor, in Arztpraxen, Behinderteneinrichtungen, aber auch bei Krankenkassen entsprechende Infomaterialien ausgelegt werden. Letztlich sollen in Schritt drei Beratungshilfen geschaffen werden. So sieht das Projekt, welches von der „Aktion Mensch“ für drei Jahre mit 180.000 Euro gefördert wird, unter anderem vor, Beratungsleitfäden und Checklisten für Ärzte anzufertigen, die eine zukünftige Aufklärung erleichtern. Häufige Hürden, wie zum Beispiel der Transport eines Patienten zur Praxis, würden durch entsprechende Informationen abgebaut. Zudem sollen die Checklisten eine bessere Kommunikation zwischen Arzt und Patient ermöglichen. Aus der Praxis wisse man, dass Symptome häufig der Behinderung an sich zugerechnet werden, nicht aber einer Krebserkrankung. „So werden Krankheiten oft übersehen“, erklärte Dr. Joachim Steinbrück, Landesbehindertenbeauftragter in Bremen. Hauer ergänzte: „Der Bedarf ist unstrittig.“

„Netzwerkarbeit steht jetzt an erster Stelle“, erklärte Carolin Hauer die konkret folgenden Schritte. Man wolle alle an einen Tisch holen und „hoffentlich bald an vielen Tischen sitzen“. In den kommenden Wochen werde sie auf verschiedenen Kongressen Kontakte knüpfen und das Projekt weiter vorstellen. Langfrsitig, so Hauer, erhoffe man sich vom Projekt, dass Teilhabe und Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderung steige.

Nebenbei wollen die Initatoren auch das Thema Krebs aus der „Tabuzone“ holen, sagte Hauer. „Krebs heißt für viele Tod, doch dem ist nicht so“, meinte der Urologe Hübotter.

Hintergrund: 4000 Krebserkrankte pro Jahr

Mehr als 4000 Menschen im Land Bremen erkranken jährlich an Krebs. Deutschlandweit sind es etwa 500.000. Etwa 1900 Bremer Frauen erhalten pro Jahr die Diagnose, bei Männern sind es rund 2100. Häufigste Formen sind Prostatakrebs (Männer) und Brustkrebs (Frauen). Dahinter folgen Lungenkrebs (Männer) und Darmkrebs (Frauen). Am häufigsten wird eine Diagnose zwischen dem 60. und 75. Lebensjahr gestellt (rund 50 Prozent). Konkrete Zahlen für Menschen mit Behinderung werden laut Statistik nicht erfasst.

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