„Schlagerwelten“ im Roland-Center

Produkte des Zeitgeists

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Center-Manager Frank Trompeter mit Kopfhörer in der „Schlagerwelten“-Ausstellung. Trompeter selbst schätzt die Lieder von Udo Jürgens.

Bremen - Von Thomas Kuzaj. Andrea Berg singt jetzt im Roland-Center, Huchting. Auf einer großen Videowand jedenfalls – und als Teil einer Ausstellung, die dort bis zum 27. Mai zu sehen ist, wie Center-Manager Frank Trompeter sagt: „Schlagerwelten – 100 Jahre ganz große Gefühle“. Gedacht ist sie als interaktive Zeitreise durch 100 Jahre Schlagergeschichte.

Mit dem Zeitraum von 100 Jahren spannt die Schau einen zeitlich etwas weiteren Bogen als die Popmusik-Ausstellung „Oh yeah!“, die (wie berichtet) das Schwachhauser Focke-Museum gegenwärtig präsentiert. In Huchting beginnt man einen Tick vor Erfindung von Radio und Schallplatte – zwei entscheidende Medien, deren Entwicklung eine massenhafte Verbreitung und eine musikalische Unterhaltungsindustrie ja erst möglich gemacht haben.

Und in Huchting setzt man allein auf den Schlager – hat den Begriff aber weit gefasst. Die Revuen und Musikfilme der 20er und 30er Jahre, die sprachgewandten und gewitzten Jazz-Schlager – sie sind ebenso Thema der Ausstellung wie die Zensur in der NS-Zeit: „Im Dritten Reich verliert der Schlager seine Vielseitigkeit.“ Später geht es um Künstler wie Peter Maffay, die Neue Deutsche Welle, DDR-Star Frank Schöbel, die zeitgemäß sozialkritischen 70er-Jahre-Texte von Udo Jürgens. Und, und, und.

Begriff „Schlager“ wieder positiv besetzt

Schlager – ursprünglich ein Begriff für den buchstäblich schlagenden Erfolg eines Musiktitels. Später für viele auch ein Schimpfwort, Synonym für Muff, Enge und Spießertum. Inzwischen ist der Begriff wieder positiv besetzt – die Umwertung begann mit der ironisch gebrochenen Schlagerseligkeit von Dieter Thomas Kuhn und Guildo Horn in den 90ern – und endet (vorläufig) im generationenübergreifenden Massenerfolg einer Helene Fischer.

Die ist in Huchting natürlich auch mit von der Partie. Sechs lebensgroße Figuren von Helene Fischer, Andrea Berg, Wolfgang Petry, Udo Jürgens, Peter Maffay und Frank Schöbel stehen in der Shopping-Mall – Fans können sich damit fotografieren lassen oder Selfies mit den Pappkameraden machen. Spielerische Elemente wie diese ziehen sich durch die Ausstellung, die durch verschiedene ECE-Center tourt.

Karaoke-Versionen in einer „Star-Box“

In einer „Star-Box“ können Besucher Karaoke-Versionen ihrer Lieblingsschlager singen und aufzeichnen lassen – als Video für soziale Netzwerke. Natürlich gibt es auch viel Musik zu hören an den einzelnen Stationen, die im Stil der jeweiligen Zeit gestaltet sind – eine Litfaßsäule steht für die 20er Jahre, eine grell-grüne Bude für den Schlager-Kult der 90er.

Die 70er und 80er sind zweigeteilt – wie Deutschland damals. Ein Wohnzimmer West, eins Ost. ZDF-„Hitparade“, Nena, Nicole und Friedensdemo hier, DDR-Rock und das „Schlagerfestival der sozialistischen Länder“ dort. Die Räume sind mit gutem Blick fürs Detail eingerichtet – von den Tapeten bis zu den Büchern im Regal.

Und so setzt die Schau einerseits auf Spaß am und mit dem Schlager und auf die Nostalgie, die mit den Schlagern früherer Zeiten verbunden ist. Sie zeigt aber auch, dass an den Liedern nicht allein persönliche Erinnerungen hängen – sondern dass Schlager (und ihre Welten) zugleich Produkte des jeweiligen Zeitgeists sind. So spiegelt der Perfektionismus einer Helene Fischer nicht zuletzt auch den Selbstoptimierungs-Kult unserer Tage.

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