Das Bremer Focke-Museum präsentiert „Oh Yeah!“

Private Nostalgie und kollektive Geschichte

Bremen - Von Thomas Kuzaj. „Schööön und kaffeebraun sind alle Frau’n in Kingston Town“ – sang Vico Torriani (1920 bis 1998) anno 1958. Und er singt es noch immer, jedenfalls im Focke-Museum in Schwachhausen. Dort ist ab Freitag (und bis zum 16. Juli 2017) die Ausstellung „Oh Yeah!“ zu sehen und zu hören, die Popmusik in Deutschland zum Thema hat. Und da gehört eben auch ein Schweizer dazu, der von Jamaika singt.

Ob so ein Text heute noch durchginge? Man kann ihn frauenfeindlich finden, man kann eine rassistische Note hineininterpretieren. Zumindest das Frauenfeindliche aber findet sich auch in etlichen Ballermann- und Skihütten-Hits der Gegenwart, und deren Texte gehen ja auch durch. Vorausgesetzt, der Alkoholpegel stimmt.

Überdimensionale Plattencover versammeln Informationen, Filme und Klangbeispiele zu einzelnen Epochen: Blick in die Pop-Ausstellung des Focke-Museums. - Foto: Kuzaj

Nun ist das Focke-Museum nicht zum Ballermann mutiert, Gott behüte, aber das Beispiel illustriert, was man sich dort vorgenommen hat: Ein Thema mit enormer Bandbreite. Ein Thema, mit dem beinahe jeder etwas anfangen kann. Ein Thema, mit dem wohl jeder etwas verbindet. Und, ja, es ist Absicht. Denn es soll mehr Alltagskultur ins Museum kommen. „Wir wollen uns stärker gegenwartsbetonten Themen zuwenden“, sagt Dr. Frauke von der Haar, Direktorin des Focke-Museums. Popmusik eignet sich dafür sehr gut. „Sie ist etwas, womit wir alle persönliche Geschichte verbinden – und etwas, womit sich aber auch kollektive Geschichte verbinden lässt.“

Das Private und das Politische, sozusagen. Wer diese Ausstellung besucht, der kann auf 450 Quadratmetern in persönlicher Nostalgie schwelgen, unter der Discokugel die Soundtracks zu privaten Erinnerungen aufrufen. Egal, ob Rock‘n‘Roll oder Punk, „Kraftwerk“ oder James Last, Nena oder eben Vico Torriani. 200 Objekte, 140 Interpreten, 90 Radio- und Filmbeiträge stehen zur Auswahl.

Der Besucher kann aber auch Themen vertiefen, etwas über die Enstehung einzelner Musikrichtungen erfahren – und eben auch über gesellschaftliche Entwicklungen, denn jede Musik ist ja auch der Soundtrack ihrer Zeit. Und bisweilen auch eine Reaktion darauf – genannt sei hier nur die ursprüngliche Wut, die dem Punk innewohnte. In einem spannenden Kapitel stellt die Ausstellung Punk in West und Ost – in Bundesrepublik und DDR – gegenüber.

Der Reiz des Verbotenen

Da kommt auch der Reiz des Verbotenen ins Spiel – eine wesentliche Triebfeder in der Popkultur. Umgekehrt funktioniert die Sache meistens nicht. Als etwa die DDR dem aus dem Westen (akustisch) herüberschwappenden Rock‘n‘Roll etwas entgegensetzen wollte und den Tanz „Lipsi“ zu etablieren versuchte, ging das schief. Die Jugend wollte diesen von oben vorgegebenen Tanz nicht.

Was die Jugend (und auch die reifere Jugend) zu verschiedenen Zeiten wollte, gliedert die Ausstellung in verschiedene Epochen. Sie spannt dabei einen Bogen über 90 Jahre. Popmusik in Deutschland beginnt hier in den 20er Jahren, als das Radio und die Schallplatte praktisch zur gleichen Zeit aufkamen – die Unterhaltungsindustrie war geboren.

Wer die Ausstellung besucht, muss aber nicht bei den „Comedian Harmonists“ anfangen. „Man ist nicht zur Chronologie gezwungen“, sagt Kurator Jan Christoph Greim. Technik und Inszenierung lassen ein freies Assoziieren und Herumspringen nach dem Lustprinzip zu. Die Technik haben die Bremer aus der Schweiz importiert, aus dem Museum für Kommunikation in Bern. Ab Sommer 2017 wiederum wird die Bremer Schau exportiert – sie wandert nach Frankfurt, Berlin, Leipzig und Stuttgart.

„Soundkugeln“ zum Einklinken

Ein „Schrein“ für einen Bremer: Bandleader James Last (1929 bis 2015), Erfinder des „Happy Sounds“. - Foto: Kuzaj

Per Kopfhörer kann man sich an Stationen und „Soundkugeln“ in Songs, Filme und Musikvideos einklinken – ganz individuell. „Es fängt bei jedem von vorn an, egal, wann und wo man sich einklinkt“, so von der Haar. Auch diese „neue Form der Präsentation“ habe das Museumsteam an dem Projekt gereizt. Die Schau ist dabei – so Greim – „dreischiffig“. In der Mitte steht die „Main Road“ mit überdimensionalen, im Stil der jeweiligen Epoche gestalteten Plattencovern. Links von der „Main Road“: die „Soundlounge“ zum Hinsetzen und Weiterhören. Rechts der „Backstage“-Bereich – hier geht es um die Sammelleidenschaft von Pop-Fans, seien es Platten, „Bravo“-Hefte oder Devotionalien von Musikern und Stars.

Zu jeder Epoche gibt es akustische Einleitungen im Stil kurzer Radio-Features, für die der Musikfachmann Dr. Wolfgang Rumpf (Nordwestradio) verantwortlich ist. Auch hier kann der Besucher sich einklinken.

Manchmal aber wirken die Zuordnungen etwas schief. Zum Mauerbau 1961 zum Beispiel singt Caterina Valente hier „Ganz Paris träumt von der Liebe“ – eine Aufnahme von 1954. Ein 61er-Schlager hätte den Eskapismus-Aspekt besser illustriert. Vico Torriani etwa ist 1961 ins „Café Oriental“ gegangen.

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