Mit „pomphafter Wucht“

„Verschwunden“: Das Kaiser-Wilhelm-Denkmal im Herzen Bremens

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Das Denkmal für Kaiser Wilhelm I., hier in Blickrichtung Marktplatz aufgenommen, stand neben dem Rathaus auf dem Liebfrauenkirchhof.

Bremen - Von Thomas Kuzaj. Auf dem Liebfrauenkirchhof, neben dem Rathaus und damit praktisch schon halb auf dem Marktplatz stand es. Buchstäblich im Herzen der Stadt also. In der Nachbarschaft des Rolands, der für Bremens Freiheit und Unabhängigkeit steht, war es ein Symbol der Kaisertreue – das Kaiser-Wilhelm-Denkmal, das die Bremer hier aufgestellt hatten. Heute ist es Thema in unserer Serie „Verschwunden“.

Nachdem Kaiser Wilhelm I. anno 1888 gestorben war, wurde schnell der Ruf laut, ihn auch in Bremen mit einem Denkmal zu ehren. Hier pflegte man zwar die republikanische Tradition einer Hansestadt, die ihre Eigenständigkeit stets betont hatte. Hier war man aber auch kaisertreu, schon aus repräsentativen Gründen, denn das war gut fürs Geschäft. Und es war ein Zeitalter, in dem man gern repräsentierte.

Kaum einer bediente das Repräsentationsbedürfnis in jenen Tagen so sehr wie Johann Georg Poppe (1837 bis 1915), damals mit seinen prunkvollen Bauwerken – darunter die „Umgedrehte Kommode“, die Baumwollbörse und der Stammsitz des Norddeutschen Lloyd (NDL) – so etwas wie der Star-Architekt des Bremer Bürgertums. Er schuf den Sockel des Bremer Kaiser-Wilhelm-Denkmals.

Sieben Entwürfe waren für das Denkmal eingegangen. Die Wahl fiel auf eine Arbeit des Bildhauers Robert Bärwald (1858 bis 1896), der in Berlin lebte und ein beliebter Denkmal-Schöpfer des Kaiserreichs war. Sein Standbild für Kaiser Wilhelm I. war in etlichen deutschen Städten zu finden, oft nur geringfügig variiert. Bremen bekam von ihm ein Reiterdenkmal des Kaisers – mit den beiden Sockelfiguren „Brema“ (für Bremen) und „Neptun“ (für Schifffahrt und Handel). Auch ein Reichsadler war zu sehen, so viel Symbolik musste sein. Am 18. Oktober 1893 wurde das 7,50 Meter hohe und 200.000 Mark teure Werk von Bärwald und Poppe dann feierlich eingeweiht – in Gegenwart von Kaiser Wilhelm II., versteht sich.

Dank seiner Vorliebe für Technik und Maritimes pflegte Wilhelm II. ja ohnehin regelmäßige Kontakte zu Bremen und Bremer Geschäftsleuten. Wie das so war, lässt sich in den Erinnerungen des NDL-Direktors Heinrich Wiegand (1855 bis 1909) nachlesen, die das Bremer Staatsarchiv gerade unter dem Titel „Kaiser Wilhelm II., Bremen und der Norddeutsche Lloyd“ herausgebracht hat.

Das Reiterstandbild, ein Bronzeguss, für Wilhelm I. wurde in Bremen – der Kaisertreue zum Trotz – von den Zeitgenossen nicht ohne Kritik aufgenommen. In dem Standardwerk „Bremen und seine Bauten 1900“ zum Beispiel ist deutlich von einer „nur teilweise glücklichen Lösung“ die Rede.

Zwar sei das Denkmal an sich eine „glänzende Leistung“. Doch mit „all seiner pomphaften Wucht“ sei es vor die „magere“ gotische Rathausfront gestellt worden. Andere Kritiker meinten, der Sockel sei zu niedrig für das überlebensgroße Reiterstandbild.

Im Zweiten Weltkrieg fiel Kaiser Wilhelm I. der kriegs- und rüstungsbedingten „Metallspende“ zum Opfer. 1940 wurden die Sockelfiguren abgebaut. Das Reiterstandbild wurde 1942 eingeschmolzen. Nach dem Krieg baute man dann den rötlichen Steinsockel ab.

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