Die Bremer Arbeiterwohlfahrt feiert ihren 90. Geburtstag / Ausstellung im „Kwadrat“

Die politische Art der Selbsthilfe

In der Geschichte blättern, in die Geschichte blicken: AWO-Ausstellung im „Kwadrat“.

Bremen - Von Thomas Kuzaj· Selbsthilfe und Solidarität. Zwei Begriffe, die heute seltsam altertümlich klingen. Dabei sind sie doch noch aktuell – ähnlich wie vor 90 Jahren, als die Bremer Arbeiterwohlfahrt (AWO) im Geist dieser beiden Begriffe gegründet wurde.

Von der Selbsthilfe der Arbeiterschaft sprach der Sozialdemokrat, Reichspräsident und vormalige Bremer Kneipenwirt Friedrich Ebert (1871 bis 1925) in jenen Tagen. Mit der Sozialdemokratie war die Arbeiterwohlfahrt von Beginn an eng verwoben. Im Dezember 1919 gründete Marie Juchacz (1879 bis 1956), auch Kämpferin für das Frauenwahlrecht, die AWO.

Die Gründung der Bremer Arbeiterwohlfahrt folgte wenig später, am 21. April 1920. Deshalb feierte die AWO hier gestern ihren 90. Geburtstag. Treibende Kraft an der Weser war die Sozialdemokratin Hanna Harder (1868 bis 1936). Eine wichtige Rolle spielte auch Helene Kaisen (1889 bis 1973), die Ehefrau des späteren Bremer Bürgermeisters.

Staatliche „Armenpflege“, Stiftungen, Kirchen – von all dem wollte die Arbeiterschaft sich nicht mehr abhängig machen. Das Selbstbewusstsein der Arbeiterbewegung war gewachsen. Gleichzeitig war das Engagement angesichts großer Not bitter nötig. Die „Selbsthilfe der Arbeiterschaft“, von der Ebert gesprochen hatte, verstand sich auch als eine politische Organisation. „Es ist nicht nur Wohlfahrt.“ So formulierte es Bürgermeister Jens Böhrnsen (SPD), der auf der AWO-Geburtstagsfeier im „Kwadrat“ an der Wilhelm-Kaisen-Brücke die erkrankte Sozialsenatorin Ingelore Rosenkötter (SPD) als Redner vertrat. Ein Teil der „großen Idee“ sei eben, „dass wir eine Gesellschaft wollen, die sozial gerecht ist“. Überhaupt: „Es ist die Stärke der Idee, dass die AWO über Jahrzehnte und über Generationen immer eine kraftvolle Organisation geblieben ist.“ Böhrnsen bezeichnete die Arbeiterwohlfahrt als Teil seines Lebens. Am Lankenauer Strand hat sie dem kleinen Jens einst das Schwimmen beigebracht.

Und heute? AWO-Präsidentin Eva-Maria Lemke-Schulte (SPD), früher Bausenatorin, nannte die Organisation ein „vielseitiges soziales Dienstleistungsunternehmen“. Die AWO hat in Bremen 2 500 Mitglieder. In 90 Einrichtungen und Diensten sind 1 000 hauptamtliche Beschäftigte angestellt, sagte Lemke-Schulte. Hinzu komme eine große Zahl Ehrenamtlicher. Lemke-Schultes Wunsch zum 90. Geburtstag: „Wir können noch mehr Ehrenamtliche gebrauchen.“

· Bilder, Tondokumente, Texte – das „Kwadrat“ der Werkstatt Bremen (Wilhelm-Kaisen-Brücke 4) zeigt bis zum 4. Mai eine abwechslungsreiche Ausstellung zur Geschichte der Arbeiterwohlfahrt in Deutschland.

WWW.

awo-bremen.de

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