„Plötzlich da“

Wie sich Migrationsgeschichten wiederholen

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Im Auswanderhaus in Bremerhaven gibt es die Ausstellung "Plötzlich da." zu sehen.

Bremerhaven - Von Janet Binder. In Deutschland werden dieses Jahr eine Million Flüchtlinge erwartet. Diskutiert wird über Aufnahmekapazitäten und Integration. Dass die Debatte nicht neu ist, zeigt eine Schau im Deutschen Auswandererhaus.

Es war vor allem die Armut, die 1709 Tausende von Deutschen ihr Land verlassen ließ. Sie hatten im „Goldenen Buch“ - eine Art Bestseller unter Auswanderern - gelesen, die englische Königin Anne könnte ihnen Land in amerikanischen Kolonien schenken. In der Hoffnung auf ein besseres Leben, strömten die Deutschen in Massen nach London. Die Unterkünfte wurden schnell knapp, es wurden Zeltlager errichtet. Die Deutschen sollen auch Bilder von Königin Anne in den Händen gehabt haben. „Das erinnert an die syrischen Flüchtlinge, die im Sommer Fotos von Angela Merkel hoch gehalten haben“, sagt die Direktorin des Deutschen Auswandererhauses in Bremerhaven, Simone Eick.

Mehr als 300 Jahre liegen zwischen der aktuellen und der damaligen Migrationsgeschichte. Den Bogen spannt die Sonderausstellung „Plötzlich da. Deutsche Bittsteller 1709, türkische Nachbarn 1961“, die ab Montag im Auswandererhaus zu sehen ist. Am Eingang der Schau sind Projektionen von Königin Anne und einem Flüchtling mit Merkel-Foto zu sehen. „Die Deutschen waren mal in einer ähnlichen Situation wie die Syrer heute“, sagt Simone Eick. Von den 13 000 in London gestrandeten Deutschen reisten 3000 nach New York weiter, wo damals 6000 Menschen lebten. „Die Debatten über Aufnahmekapazitäten sind nicht neu, sie sind schon damals geführt worden.“

Auch in den 1970er Jahren waren die Aufnahmemöglichkeiten ein großes Thema, als viele türkische Gastarbeiter in Deutschland blieben und ihre Familien nachholten. „Geschichte bietet keine Antworten auf aktuelle Fragen“, betont Eick. „Aber sie zeigt, welche Handlungen welche Folgen haben.“ In den 1970er Jahren habe sich die Politik geweigert, Deutschland als Einwanderungsland zu bezeichnen. „Der Wechsel vom Gastarbeiterkonzept zur Integrationspolitik passierte drei Jahrzehnte nicht.“ In einem Dokumentarfilm in der Ausstellung berichten Deutsch-Türken, wie sie sich in ihrer neuen Heimat fühlen. „Die Gleichzeitigkeit von Normalität und sich unwillkommen Fühlen erleben viele Türkeistämmige in unserem Land“, so Eick.

Die beiden Migrationsgeschichten aus dem 18. und 20. Jahrhundert sollen aufzeigen, was passiere, wenn Migration als reines wirtschaftspolitisches Instrument gesehen werde, so Eick. Die Deutschen in Amerika erhielten letztlich kein Land, sie wollten aber nicht nur Arbeiter sein. Es kam zu langen Rechtsstreitigkeiten mit den Briten. In Deutschland wollten die Türken nicht nur arbeiten, sondern hier auch mit ihren Familien dauerhaft leben. „Gewollt hatten die Regierungen beider Länder Arbeitskräfte“, sagt Eick. Dass so viele in so kurzer Zeit kamen und auch blieben, damit habe keiner gerechnet.

Die Ausstellung ist der erste Teil der dreiteiligen Reihe „Deutsch und fremd?“. Darin beschäftigt sich das Auswandererhaus mit der Frage, warum sich Einwanderer in Deutschland zugleich deutsch und fremd fühlen. Die Sonderschau „Plötzlich da“ ist bis zum 31. Mai 2016 zu sehen.

dpa

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