Konzert in der Bremer Glocke

Peter Kraus: Einfach retro, einfach gut!

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Mit Lederjacke, weißem Hemd und viel Gefühl erobert Peter Kraus die Bühne der Bremer Glocke. Wildheit und Eleganz geben das Gefühl der Jugend in der Nachkriegszeit wieder.

Bremen - Von Martin Kowalewski. Die Band ist da, Peter Kraus folgt ein paar Augenblicke später. Einen Barhocker unterm Arm, geht er zum Mikro. „Keine Angst. Ich will nicht den Abend nur auf dem Stuhl sitzen. Der Stuhl ist für den Bassisten. Der geht schon auf die 50“, sagt Kraus ins Mikro. Dann bringt er dem Mann am Kontrabass den Stuhl. Die Show „Schön war die Zeit! Die Kulthits der wilden 50er und 60er“ begeisterte am Montagabend etwa 1200 Gäste, überwiegend im Seniorenalter, in der fast ausverkauften Bremer Glocke.

Eigene Hits, aber vor allem die Songs, die ihn in jungen Jahren prägten, stehen auf dem Programm. Der Altrocker ist dabei nie um einen zackigen Hüftschwung verlegen, tanzt vorwärts und rückwärts und kreuzt die Beine. Kraus ist vielleicht nicht mehr der Schnellste, aber alles wirkt frisch und locker, mehr als zwei Stunden lang. Auch seiner kräftigen Stimme kann die Anstrengung offensichtlich nichts anhaben. Viele im Publikum wissen, der Star ist am Vortag 79 Jahre alt geworden. Eine große Gruppe von Gästen steht auf und singt für ihn „Happy Birthday“. Der Rest des Publikums zieht nach und singt mit. Kraus verneigt sich etwas verlegen und bedankt sich im Laufe des Abends mehrfach für das nette Ständchen.

Erste Nummer des Abends ist die Jazz-Ballade „I can’t give you anything but love“. Als dezenter Opener mit filigraner Bass- und Schlagzeugbegleitung führt sie die Gäste zurück in Vor-Rock-Ära und in die Kindheit von Kraus. Dieser erzählt von seinem Vater, der vor Amerikanern in Nachtclubs sang. Ein US-Militärsender änderte das Leben von Kraus. Der brisante Inhalt kommt gleich auf die Bühne der Glocke: Bill Haleys „Rock around the clock“.

Die Show kommt ganz von Kraus und seiner achtköpfigen Band. Getreu dem Stil der 50er und 60er hat der Altmeister auf jeglichen technischen Schnickschnack verzichtet. Ein paar Scheinwerfer mit wechselnden Farben, ein roter Vorhang im Hintergrund, das war es dann schon mit der Deko. Die Lautstärke erinnert eher an einen Jazz-Keller als an eine Rock-Arena. Besonders der Kontrabass gibt dem Klanggeschehen eine angenehme Schlankheit. Bei „Roll over Beethoven“ von seinem großen Idol Chuck Berry legt sich Kraus kräftig ins Zeug, singt, tanzt wild über die Bühne. Das hat durchaus etwas von der Erfüllung eines alten Traums. „Wie gerne hätte ich das auf Deutsch aufgenommen. Aber mein Producer sagte, das kauft kein Mensch“, erzählt Kraus. Der Produzent habe ihn gefragt, wer denn seine Platten kaufe. „Die Antwort war, die Mädels. Die musst Du einlullen, sagte mein Produzent. Ich lullte“, sagt Kraus. Die Bühne erstrahlt in rotem Licht. „Wenn Teenager träumen“ folgt, nicht gelullt, aber träumerisch dargeboten. Gelegentlich schließt Kraus die Augen.

Der Rock’n’Roll hatte es in der Nachkriegszeit zunächst schwer. Er wurde immer wieder für tot erklärt. Er habe ein Rebell und der erste Rocker von Deutschland sein wollen, erzählt Kraus, doch sein größter Hit sei „Schwarze Rose, Rosemarie“ gewesen. Der Song erklingt in traditioneller Walzer-Manier. Doch dann kommt eine besondere Zutat: Band-Musiker Berthold Matschat tritt zum Solo nach vorne, in seiner Hand eine Mundharmonika. Er entfaltet ein beachtliches und jazziges Solo. Der etwas biedere Walzer vermischt so Kneipen- und Club-Atmosphäre.

Sanft beginnt „Junge Leute brauchen Liebe“. Eine anrührende Ballade, doch dann geht die Lautstärke plötzlich durch Mark und Bein. Gitarrist André Tolba dreht auf. Ein brachiales Gitarrensolo fegt mit jugendlichem Temperament durch den Saal. Fetzend und mit ordentlich Blue Note. Immer wieder beeindruckt Tolba mit langen und ausgefeilten Soli. Echte Handarbeit, einfach toll! Das Publikum ist begeistert.

Kraus und Band haben in der Glocke gezeigt: Retro kann so schön sein.

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