Rückgänge in den Gemeinden des Speckgürtels

Pendlerstrom ebbt ab

Nach einem leichten Anstieg in den vergangenen fünf Jahren auf dem Höchststand: Der Pendlerstrom in Richtung Bremen. Für die kommenden Jahre erwarten Arbeitsmarkt-Beobachter spürbare Rückgänge.

Bremen - Von Heinrich Kracke. Der Garten, die Blumenbeete, das Grün ums Haus, all das sollte nicht von ewiger Dauer sein. Seit Jahren bereits hatten die Eheleute aus dem Ortsteil der Gemeinde Stuhr bereits ihre Rückkehr in die Hansestadt geplant.

Statt des großen Hauses und des Grundstücks sollte es nur noch eine gemütliche Eigentumswohnung in einem Mehrfamilienhaus möglichst mit Fahrstuhl sein, jetzt im Alter. Doch als die beiden Rentner ihr mit viel Mühe erschaffenes und erhaltenes Domizil tatsächlich zum Verkauf gaben, erlebten sie eine Überraschung: Selbst in der einst gefragtesten Region rund um Bremen, im Speckgürtel, laufen einem die Kaufinteressenten nicht mehr die Hütte ein. Die Eheleute mussten sogar von ihren Preisvorstellungen abrücken, ehe Haus und Garten in diesem Sommer endlich einen neuen Besitzer fanden.

Das Problem des Rentnerehepaares ist längst kein Einzelfall mehr. Der Verkauf vom Haus im Grünen, oftmals Immobilien aus den 50er und 60er Jahren, verstärkt sogar ein Phänomen, das vor gut einem Jahrzehnt noch als völlig unmöglich galt: Eine allmählich einsetzende „Landflucht“. Zusätzlich erfasst es jetzt sogar einen Bereich, der zuletzt noch von erheblichen Steigerungsraten gekennzeichnet war. Das Segment der Berufspendler. „Die wachsenden Ströme der Vergangenheit sind passé“, erklärt auf Nachfrage Bernd-Uwe Metz von der Verdener Arbeitsagentur, deren Einzugsgebiet sich auf den gesamten südlichen Speckgürtel von Bassum über Achim bis nach Rotenburg erstreckt.

Lediglich in den ganz eng an Bremen angebundenen Gemeinden wie Weyhe oder Oyten sei noch eine „kleine Schwankung der Pendlerzahlen nach oben“ festzustellen, in anderen Bereichen sinken die Werte bereits. „Wir befinden uns an der höchsten Stelle der Pendlerwelle.“ In ein paar Jahren schon, da sei man sich inzwischen sicher, schrumpfe die morgendliche und abendliche „Rush-Hour“ deutlich zusammen.

Der Strukturwandel kommt überraschend. Noch im Frühjahr hatte beispielsweise eine von der Bremer Arbeitnehmerkammer veröffentlichte Studie mit dem Hinweis auf immer mehr Pendler Schlagzeilen gemacht. Vier von zehn Bremer Beschäftigten wohnten im Umland, heißt es darin, das sei eine Steigerung in den vergangenen zehn Jahren um sieben Prozent. Von den rund 290.000 Bremer Beschäftigten komme demzufolge 42,2 Prozent aus dem Umland. Die gigantische Lawine von mehr als 120.000 Menschen walze sich jeden Morgen in Richtung Hansestadt, und schwappe abends zurück.

Der riesige Pendlerstrom resultiert aus einer inzwischen überholten Denkweise. „Viele Großstädter wollten die Annehmlichkeiten der Metropolen mit einem Leben im Grünen kombinieren, sie haben deshalb ein Baugrundstück im direkten Umland gesucht,“ sagt etwa Axel Kloth vom Immobilienverband Nord. Es sei ja nur ein Katzensprung nach Bremen, hieß es seinerzeit. Ständige Staus auf dem Weg zur Arbeit, erhebliche Zeitverluste und der dramatische Anstieg der Spritkosten führten jetzt zu einem Umdenken. „Die Menschen ziehen dorthin, wo Arbeit ist,“ sagt Bernd-Uwe Metz von der Arbeitsagentur.

Vor allem junge Leute seien der ständigen Pendelei überdrüssig, sie suchen nach Wohnraum im kleinsten Bundesland. Und sie laufen offene Türen ein. „Angehende Auszubildende aus dem südlichen Speckgürtel genießen einen guten Ruf in Bremer Unternehmen,“ sagt Metz. Sogar die Berufsfeuerwehr entdeckt inzwischen das Umland. Erst kürzlich warb einer ihrer Mitarbeiter im Arbeitsamt Verden um Nachwuchs. Unter anderem konnte er eine Übernahme ins Beamtenverhältnis in Aussicht stellen. Auch die Autoindustrie dürfte in den kommenden Jahren zum großen Teil auf Bewerber aus dem Umland setzen, sagen Experten. „Allein rund 800 junge Leute aus dem südlichen Umland schließen Jahr für Jahr einen Ausbildungsvertrag in Bremer Unternehmen ab,“ weiß man bei der Arbeitsagentur. Und ein Großteil dieser 800 dürfte über kurz oder lang auch jenseits der niedersächsischen Landesgrenze sesshaft werden.

Der demografische Wandel werde darüber hinaus zum weiteren Abebben der Pendlerströme beitragen. „Viele der Menschen, die in den vergangenen Jahrzehnten das Leben im Grünen mit einer Arbeit in der Hansestadt kombiniert haben, sie gehen jetzt in den Ruhestand,“ sagt Metz, „eine Nachfolgegeneration ist nicht in Sicht.“

Allerdings ist der mächtige Pendlerstrom keine Einbahnstraße. Auch im Bremer Umland, vor allem an den Autobahnen, haben sich eine Reihe Unternehmen mit hohem Personal-Bedarf angesiedelt. Und da reicht der regionale Arbeitsmarkt in den Gemeinden schon lange nicht mehr aus. Rund 12.000 Beschäftigte pendeln täglich aus der Hansestadt in die Landkreise Diepholz, Verden und Rotenburg.

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