Verschwunden: Das Forsthaus der Bremer Kanusportler

Paddeln im Jackett

Boote unter Bäumen – das Forsthaus im Bürgerpark auf einer historischen Ansichtskarte. Das Gartenlokal wurde später zum Vereinsheim des Bremer Kanu-Clubs.
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Boote unter Bäumen – das Forsthaus im Bürgerpark auf einer historischen Ansichtskarte. Das Gartenlokal wurde später zum Vereinsheim des Bremer Kanu-Clubs.

Bremen – Bremen, eine Stadt am Fluss, eine Stadt am und mit Wasser – wer wüsste das besser als Menschen, die regelmäßig auf dem Wasser in Bremen (und umzu) unterwegs sind? Kanusportler zum Beispiel! Einer ihrer Treffpunkte in früheren Zeiten war das – natürlich am Wasser gelegene – Forsthaus. Längst ist es verschwunden. Und heute Thema unserer gleichnamigen Serie.

Von dem beliebten Gartenlokal gab es Ansichtskarten („Gruß aus dem Forsthaus Bürgerpark“). Auf einer sind Ruderkähne zu erkennen, die unterhalb der Terrasse am Ufer festgemacht wurden. Das Forsthaus – ein durchaus stattliches, zuvor als Zollhaus genutztes Gebäude – lag am Rand des Bürgerparks. Am Torfkanal, nicht weit entfernt von der Eisenbahnstrecke nach Hamburg.

Die Ansichtskarte mit dem Forsthaus, sie ist in einem Buch zu finden, das die Edition Temmen jetzt herausgebracht hat: „Mit Stöckelschuh und Krawatte im Paddelboot“. Untertitel: „Bremen am Wasser – Von den Goldenen Zwanzigern bis in die 70er Jahre“. Der unterhaltsame 180-Seiten-Band (Preis: 19,90 Euro) der Wassersportlerin Inge Voigt-Köhler und des Historikers Diethelm Knauf vereint vor allem historische Aufnahmen aus drei Alben des ersten eingetragenen reinen Bremer Kanuvereins. Das war der im Jahr 1920 – vor nunmehr genau 100 Jahren also – gegründete Bremer Kanu-Club (BKC).

Kanusportler machen Bremer Forsthaus zum Vereinsheim

Die Aufnahmen dokumentieren das Vereinsleben, zeigen Bootstypen und Bootstouren. Vor allem aber geben sie Einblicke in Alltag und Freizeit vergangener Jahrzehnte. Etwa 1 500 Fotografien haben Voigt-Köhler und Knauf in den drei Alben gefunden. Hinzu kam eine Festschrift von 1970, erschienen zum 50. Jahrestag der Vereinsgründung.

Voigt-Köhler und Knauf wählten aussagekräftige Aufnahmen aus und recherchierten, um das Abgebildete einzuordnen in den Lauf nicht des Wassers, sondern der (bremischen) Geschichte. Erinnerungen an Badestellen in der Bremer Innenstadt – Schwimmer trafen sich zum Beispiel in Höhe der Wallanlagen – werden ebenso geweckt wie Erinnerungen an Regatten, an längst gelaufene Rennen.

Und eben Erinnerungen ans Forsthaus im Bürgerpark. Das bei den Wassersportlern so beliebte Gartenlokal spielt eine entscheidende Rolle in der Geschichte des BKC. Denn nachdem der Wirt einigen jungen Männern erlaubt hatte, ihre Kanus in einem Schuppen seines Lokals unterzubringen, „empfahl er ihnen, einen Verein zu gründen“. Und das machten die jungen Männer auch – so kam es am 22. März 1920 zur Gründung des BKC.

Buch taucht in Vereinsgeschichte ein: Kanu-Club weit über Bremen hinaus aktiv

Und der Verein wuchs, war bald auch über Bremens Grenzen hinaus bekannt. Nach vier Jahren hatte der BKC mehr als 200 Mitglieder – und pachtete „zusätzlich zu den Schuppen das Forsthaus als Vereinsheim“. Hier konnten Wassersportler auch anderer Vereine rasten und übernachten. Im Forsthaus, da war Platz genug für alle.

Nun tobte es hier im Bürgerpark, das Vereinsleben der Kanusportler mit ihren Kajaks und Canadiern. Fotografien dokumentieren ihre Touren über Torfkanal, Kuhgraben und Wümme. „Aus heutiger Sicht wundern wir uns vielleicht über die Kleidung der damaligen Kanuten, schreiben Voigt-Köhler und Knauf zu einer Aufnahme aus dem Jahr 1927. „Die Männer stiegen mit weißem Hemd und Jackett oder Weste, seltener Pullover, aber alle mit Krawatte oder Fliege ins Boot, die Frauen mit Kleidern und Hüten.“ Alle schick und stilvoll am Forsthaus – und eben auf dem Wasser.

Bremer Forsthaus im Zweiten Weltkrieg zerstört

So ging es munter weiter, das Vereinsleben. Auch Ausflugsfahrten und Reisen in die Ferne (Hamburg, Rügen, Konstanz) sowie Ausflüge ins Bremer Umland (die Hache! Syke!) gehörten dazu.

Im Lauf der 30er Jahre, die Fotografien belegen es, gehören auch Hakenkreuze und Hitlergrüße zum Vereinsleben. Im Jahr 1934 ist erstmals eine Hakenkreuzflagge am Bug eines Faltboots zu sehen. Das dritte Fotoalbum endet mit Bildern von Vereinsmitglieder, die im Krieg umgekommen sind.

Und nach dem Krieg? Das Forsthaus, gleichsam die Heimat des Bremer Kanu-Clubs, war zerstört. Es wurde nicht neu aufgebaut. Das Vereinsleben ging wieder los, fand aber „nicht wieder zu alter Blüte zurück“. Der Verein hat sich 2003 aufgelöst.

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