SERIE: „MEIN KUNST-STÜCK“ Jörg Riechardt und der „Bremer Wall im August“

Orte im Hier und Jetzt

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Eine Szene mit dem sommerlichen Treiben am Bürgermeisterin-Mevissen-Weg: Jörg Riechardt mit seinem „Bremer Wall im August“.

Bremen - Ein Pinsel mit integriertem Wassertank ist das wichtigste Werkzeug von Jörg Riechardt. Denn seine Aquarelle entstehen unterwegs – und das meistens spontan. „Ich bin immer bereit“, sagt der 34-Jährige; und wie zum Beweis breitet er seine Utensilien mit wenigen Handgriffen vor sich aus. Der Wahlbremer interessiert sich für Orte, die das Leben in seiner Stadt prägen. Mit seinem Werk „Bremer Wall im August“ ist er Teil unserer Serie „Mein Kunst-Stück“.

Mit langen Schritten queren Passanten den Platz; einige kommen über die schmale Brücke gelaufen, andere zieht es in die Gegenrichtung, ins leuchtende Grün der Wallanlagen. Radfahrer kreuzen ihren Weg, ein Hund stromert umher. Inmitten der zielstrebig Eilenden entspannt jemand auf einer Bank und liest. Ihm gegenüber saß Jörg Riechardt, als er das sommerliche Treiben am Bürgermeisterin-Mevissen-Weg festgehalten hat. Es ist eine typische Szene für eine Stadt, die ihren Bewohnern zahlreiche parkähnliche Erholungsorte im Zentrum bietet. Augenscheinlich geschah nichts besonderes, aber genau das ist es, was den Zeichner anzieht.

„Ich setze mich gern mit Menschen auseinander – einfach so, ohne dass ich sie kenne“, sagt er. Während er sie zeichne, denke er über sie nach. Was sie wohl so vorhaben oder woher sie gerade kommen. „Manchmal merken die Leute das und sprechen mich an“, sagt Riechardt. Dann wollten sie das Bild sehen und ein Foto von sich machen, so wie er sie dargestellt hat. Doch abgesehen von einem buschigen Vollbart, einer Brille oder einem Basecap, das tief in die Stirn gezogen ist, sind kaum individuelle Merkmale zu sehen. Die Personen scheinen lebendig, aber sie sind austauschbar. Porträts hat Riechardt nicht im Kopf, wenn er den Pinsel in einen Farbnapf des handlichen Aquarellkastens drückt; Wasser tritt aus, es befeuchtet die Pigmente. Gleich darauf gleiten die gesättigten Borsten über festes, strahlend-weißes Papier und kolorieren, was der Zeichner zuvor mit schwarzem Stift skizziert hat. Riechardt streicht und wischt – und in der Eile kleckst er auch mal. Es ist die Gegenwart, das Hier und Jetzt, das er an Ort und Stelle abbilden will.

Und das meint er wörtlich: Manchmal nimmt er seine Wirkungsstätte mit ab, indem er etwa ein Stück Mauerwerk abpaust und es zum Hintergrund des Geschehens macht. Jörg Riechardt versteht sich als „Urban Sketcher“, als Teil einer über den Globus verstreut wirkenden Künstler-Community. Leidenschaftliche Zeichner, mit und ohne fachliche Ausbildung, die ihre persönlichen Stadtansichten digitalisieren und auf Onlineplattformen teilen.

Riechardt hat an der Hochschule für Künste studiert und als freischaffender Künstler seinen Lebensunterhalt verdient. Bis vor einem Jahr, erzählt er, hat er einen Galerievertrag gehabt und ein Höhepunkt war eine Gemeinschaftsausstellung mit dem Comiczeichner Ralf König. Es sei gut gelaufen – bis er eine Art Erfolgsdruck verspürt habe. Ein Künstler, der an den Markt herantrete, müsse auch marktwirtschaftlich denken und das habe sein Schaffen auf eine Weise beeinflusst, für die er sich nicht bereit fühlte, sagt er. Sich von dem abzugrenzen, was der Kunstmarkt verlange, und nicht am laufenden Band zu reproduzieren, was sich gut verkauft habe, sei nicht einfach.

Der Vertrag ist passé. Sein Geld verdient er hauptsächlich als Lehrer für Design, das Atelier hat er aufgegeben. Nur das Zeichnen nicht. In Bezug auf seine Kunst habe sich bloß eines verändert, meint Riechardt und greift zur E-Zigarette, bevor er weiterspricht: „Ich bin losgelöst von einem festen Ort, an dem ich arbeiten muss.“ Er malt Aquarelle, entwirft Comics, stellt aus und arbeitet an einem Animationsfilm. Dass er sich von den Gedanken an Vertrieb und Verkauf befreit habe, sei eine gute Entscheidung gewesen. „Ich habe das Gefühl, dass meine Kunst sich wieder entspannt“, sagt er und pafft den Dampf des letzten Zugs genüsslich in die Luft.

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