Sonja Schäfer über die aktuelle Debatte

Organspendebeauftragte  im Interview: „Persönlich sehe ich die Widerspruchslösung sehr kritisch“

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Im Klinikum Bremen-Mitte wird eine Niere transplantiert. Die Bremer Organspendebeauftragte Sonja Schäfer plädiert weiter für mehr Aufklärung und sieht die von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn angestrebte Widerspruchslösung kritisch.

Wenn Warten den Tod bedeuten kann: 2018 hofften in Deutschland rund 9 500 Menschen auf eine lebensrettende Organspende, auch in Bremen harren viele Patienten aus – immer in der Hoffnung, bald ein funktionierendes Organ zu bekommen. 

Bremen - Sonja Schäfer ist seit sieben Jahren Organspendebeauftragte in Bremen. Die gelernte Krankenschwester spricht im Interview über mangelnde Aufklärung, die aktuelle Debatte und ihren favorisierten Vorschlag.

Seit sieben Jahren Organspendebeauftragte in Bremen: Sonja Schäfer. Foto: Koller

Frau Schäfer, wie beurteilen Sie die Lage in Bremen? Sind die Menschen aufgeklärt, was das Thema Organspende angeht?

Die meisten Menschen haben wenige Berührungspunkte mit dem Thema Organspende, außer sie selbst oder Angehörige sind betroffen oder es gibt beruflich Kontakt. Die Organspende hat viele verschiedene Facetten, und aus meiner Erfahrung bestehen große Wissenslücken zu Voraussetzungen und Ablauf der Spende und der Vereinbarkeit mit einer Patientenverfügung.

Wie kann man dem entgegenwirken?

In erster Linie sollte mehr Aufklärungsarbeit betrieben werden. Broschüren als Medium erreichen die wenigsten Menschen und sind nicht die richtige Lösung. Das Thema – und zwar mit allen Aspekten – sollte vielmehr intensiv diskutiert werden.

Wo zum Beispiel?

Im Schulunterricht! Schüler ab 16 Jahren sind mündig, dürfen einen Führerschein machen und wählen gehen – warum also nicht auch darüber sprechen? Das Thema eigne sich großartig dafür! Es sollte verbindlich und sachlich in die Familie getragen werden. Die Diskussion darüber ist entscheidend – und würde auch eine riesige Entlastung für Angehörige bedeuten, die im Ernstfall vielleicht entscheiden müssen. Was aktuell an Aufklärungsarbeit geleistet wird, reicht nicht aus. Zudem ist die Art und Weise, wie informiert wird, nicht zielführend.

Was stört Sie an der Art und Weise?

Aufklärungsarbeit sollte immer ergebnisoffen und eine Entscheidungshilfe sein – und keine Werbung für oder gegen eine Organspende. Mir ist es wichtig, dass die Menschen gut informiert und freiwillig ihre ganz individuelle Entscheidung treffen. Da sollte es keine moralische Verpflichtung geben.

Wie stehen Sie persönlich zum Gesetzesentwurf von Gesundheitsminister Jens Spahn, CDU? Wer einer Organspende nicht aktiv widerspricht, soll automatisch Spender sein.

Grundsätzlich finde ich es gut, dass durch die damit verbundene Diskussion wieder Dynamik ins Thema kommt. Selten wurde so viel darüber gesprochen und das freut mich. Zwar sind laut Umfragen 80 Prozent der Deutschen bereit, eine Spende abzugeben, doch nur 35 Prozent besitzen überhaupt einen Organspendeausweis.

So wirklich zufrieden scheinen Sie aber nicht zu sein.

Persönlich sehe ich die Widerspruchslösung sehr kritisch. Das entspricht nicht meiner Idee einer informierten Entscheidung. Ich habe die Befürchtung, dass viele Menschen weiter nicht ausreichend informiert sind – und dennoch zu Spendern gemacht werden könnten. Dabei sollte es zu diesem sensiblen Thema eine stabile Entscheidung sein, hinter der auch Angehörige noch Jahre später mit einem guten Gefühl stehen.

Gibt es denn eine Alternative zur Widerspruchslösung?

Ja, die gibt es tatsächlich. Der Vorschlag kommt von Annalena Baerbock und Katja Kipping (der Chefin der Bundesgrünen und der Vorsitzenden der Linke, Anm. der Redaktion) und sieht eine Lösung vor, die sich an dem aktuellen Vorgehen orientiert. Nur mit dem Unterschied, dass die Bereitschaft zur Organspende regelmäßig verbindlich und alle zehn Jahre abgefragt wird. Beispielsweise beim Bürgeramt – wobei ich eine andere Institution wählen würde. Grundsätzlich ist mir dieser Vorschlag aber deutlich sympathischer.

Besitzen Sie selbst einen Organspendeausweis?

Ja. Weil mir mein Selbstbestimmungsrecht und die Entlastung meiner Angehörigen sehr wichtig sind.

Info: Unumkehrbarer Hirnausfall 

Um als Organspender infrage zu kommen, gibt es mehrere Voraussetzungen: Der Patient muss zu Lebzeiten einer entsprechenden Spende zugestimmt haben. Außerdem muss der „unumkehrbare Ausfall der gesamten Hirnfunktionen“ durch ein sogenanntes Hirntod-Protokoll festgestellt werden. Ist die Bereitschaft zur Organspende nicht bekannt, können auch die Angehörigen befragt werden. Danach erfolgt die eigentliche Organspende. Die erste Transplantation in Bremen erfolgte im August 1988. 

Bis einschließlich 2018 wurden 1 058 Nierentransplantationen durchgeführt, in den vergangenen fünf Jahren allein 117. 81 Patienten im Land Bremen warten auf eine neue Niere (Stand Mai). Da in Bremen ausschließlich Nieren transplantiert werden, gibt es keine Zahlen für andere Organe.

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