Verschwunden: Bremens Befestigungsanlagen

Bremer Orangen aus Smidts Garten

Vornehmes Wohnen und Flanieren an der Contrescarpe – hier als Motiv einer Ansichtskarte vom Beginn des 20. Jahrhunderts.
+
Vornehmes Wohnen und Flanieren an der Contrescarpe – hier als Motiv einer Ansichtskarte vom Beginn des 20. Jahrhunderts.

Bremen – Erst schützten sie Bremen, dann wurden sie überflüssig – die zackenförmig angelegten Befestigungsanlagen rund um den Bereich der Altstadt. Wo genau die Befestigung verlief, ist heute noch am Lauf der Wallanlagen zu erkennen. Die Befestigungsanlagen selbst aber sind längst verschwunden – und damit Thema unserer gleichnamigen Serie.

Die Wallanlagen, sie dienten ursprünglich der Verteidigung Bremens. Im 17. Jahrhundert hatte der holländische Festungsbaumeister Johan van Valckenburgh (um 1575 bis 1625), nach dem heute die Valckenburghstraße in Huckelriede benannt ist, die Pläne für den Ausbau der Bremer Befestigungsanlagen ausgearbeitet.

Ein zackenförmiger Wassergraben mit Bastionen sollte Bremen vor Angreifern schützen – und machte Bremen am Ende zu einer der am stärksten befestigten Städte weit und breit. Erst war die Neustadt an der Reihe, die Altstadt folgte dann in den Jahren 1660 bis 1664.

Die Bremer Befestigung verliert ihren Zweck

Ende des 18., Anfang des 19. Jahrhunderts aber waren die Tage der bremischen Befestigungsanlagen gezählt. Ihre militärische Bedeutung war gesunken, die Zeit großer Belagerungen war inzwischen vorbei. Parallel dazu hatte sich die Militärtechnik – etwa bei Geschützen – so sehr weiterentwickelt, dass herkömmliche Befestigungsanlagen einer Stadt ohnehin nicht mehr den gewohnten Schutz bieten konnten.

Die im Unterhalt kostspieligen Festungen verfielen schließlich mehr und mehr. Bastionen wurden zweckentfremdet und bepflanzt. So trafen die Bremer eine Entscheidung, die nur konsequent war und der Entwicklung der Stadt einen bedeutenden Schub gab. Sie wandelten Valckenburghs zackenförmigen Graben ab 1802 in einen Landschaftsgarten nach englischem Vorbild um. So entstanden die Wallanlagen, wie wir sie heute noch kennen: Parkanlage und Grüngürtel im Herzen der Stadt.

„Alle drey in Harmonie“

Das passte gut, denn Bremen wuchs, die Einwohnerzahl stieg. Die Altstadt wurde zu eng, Bremen breitete sich in Vorstadtbereiche aus. Es galt, Übergänge zu schaffen, „den Stadtgraben, den Wall und die Contrescarpe alle drey in Harmonie miteinander“ anzulegen, wie es in einer zeitgenössischen Akte heißt. Im September 1802 wurden die Befestigungen zwischen Bischofsnadel und Ostertor abgetragen, drei Jahre später bekam die Contrescarpe einen Fahrweg. Ab 1803 wandelte der Landschaftsgärtner Isaak Hermann Albert Altmann (1777 bis 1837) Graben und Wall in eine Parkanlage um, 1811 war er damit fertig – vor nunmehr 210 Jahren also.

Und plötzlich fielen mehr und mehr begehrliche Blicke auf die Contrescarpe. Wohlhabende Bremer begannen, sich hier altstadtnahe Sommerhäuser zu bauen. Mit großen Gärten und Gemüseanbau. Einer der ersten von ihnen war der spätere Bürgermeister und Bremerhaven-Gründer Johann Smidt (1773 bis 1857), der sich anno 1808 als Ratsherr einen klassizistischen Bau mit Garten, Kuhstall und eigener Baumschule errichten ließ. Smidt pflegte auch Orangenbäume – südlich frische Vitamine für den Norden. . .

Obwohl es die Befestigungsanlagen nun nicht mehr gab, lag die Contrescarpe verwaltungstechnisch noch im Vorstadtbereich. Altstadt-Bewohner, die ihr Bürgerrecht ausüben wollten, mussten folglich ihren Hauptwohnsitz in der Altstadt behalten – und konnten deshalb nicht einfach an die Contrescarpe ziehen; auch Smidt musste seine Orangenbäume wieder und wieder im Stich lassen. Der Hauptwohnsitz blieb hinter den Toren der Altstadt.

1849: Neue Verfassung, neue Bewegungsfreiheit

Das änderte sich erst im Jahr 1849 mit der neuen Bremer Verfassung. Nun konnten auch Bewohner der Vorstadt das volle Bürgerrecht erwerben, auf den Hauptwohnsitz in der Altstadt kam es jetzt nämlich nicht mehr an. Auch die Torsperre aus dem 18. Jahrhundert war aufgehoben worden – wer nach Mitternacht in die Altstadt zurückwollte (etwa, weil er Contrescarpe-Anwohner besucht hatte), musste nun nicht länger am Bischofstor horrende Summen („Torgeld“) blechen.

Das half dem Stadttheater auf der Bischofsnadel-Bastion in den Wallanlagen, das dort in den Jahren 1840 bis 1843 gebaut worden war. Überhaupt gab die neu gewonnene Bewegungsfreiheit zwischen Alt- und Vorstadt der bremischen Stadtentwicklung parallel zur einsetzenden Industrialisierung einen kräftigen Schub. Bremens Kern war über die Altstadt hinausgewachsen – an der Contrescarpe auf besonders elegante Weise.

In der Folge verwandelte sich so mancher altstadtnahe Sommersitz zum Hauptwohnsitz. Die Contrescarpe wurde zu einer der feinsten Wohnadressen Bremens. Nicht schlecht für eine Straße, die lange Zeit durch Festungswerke geprägt war und daher auch ihre Namen hat – er bezog sich ursprünglich auf die Außenböschung, den Gegenwall der Festungsgrabenböschung.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Blutiger Dornfelder: ein Krimi-Rotwein-Paket zum Genießen

Blutiger Dornfelder: ein Krimi-Rotwein-Paket zum Genießen

Trauerfeier für Prinz Philip am kommenden Samstag

Trauerfeier für Prinz Philip am kommenden Samstag

Große Anteilnahme am Tod Prinz Philips

Große Anteilnahme am Tod Prinz Philips

Bayern verlieren Final-Wiedersehen gegen Paris Saint-Germain

Bayern verlieren Final-Wiedersehen gegen Paris Saint-Germain

Meistgelesene Artikel

Bremens Trolleybusse und der Gummibahnhof

Bremens Trolleybusse und der Gummibahnhof

Bremens Trolleybusse und der Gummibahnhof
Ruhestörung führt zu Angriff auf Polizisten – dann eskaliert es völlig

Ruhestörung führt zu Angriff auf Polizisten – dann eskaliert es völlig

Ruhestörung führt zu Angriff auf Polizisten – dann eskaliert es völlig
Häusliche Gewalt in der Bremer Altstadt: Mann verletzt Ehefrau schwer

Häusliche Gewalt in der Bremer Altstadt: Mann verletzt Ehefrau schwer

Häusliche Gewalt in der Bremer Altstadt: Mann verletzt Ehefrau schwer
Angriff auf Trainer: Tritte auf den Kopf – Kinder schockiert

Angriff auf Trainer: Tritte auf den Kopf – Kinder schockiert

Angriff auf Trainer: Tritte auf den Kopf – Kinder schockiert

Kommentare