„Verschwunden“: Operetten und Varietéprogramme, Tonfilme und vergnügliche Stunden im Tivoli-Theater

Ein Haus des Entertainments

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Sogar Postkarten gab es vom Tivoli-Theater (An der Weide) – sogar ziemlich viele. So konnte man Freunden und Verwandten zeigen, wo man gerade vergnügliche Stunden verbracht hatte.

Bremen - Von Thomas Kuzaj. Ein schönes Theatergebäude verschwindet – was dem Musicaltheater am Richtweg droht, mag traurig sein. Es ist in Bremen aber nicht ohne Beispiel – aus den unterschiedlichsten Gründen.

Man denke nur an den Abriss des „Concordia“, in dem Theatergeschichte geschrieben wurde, im vergangenen Jahr. An das im Kriegsjahr 1944 zerstörte Stadttheater in den Wallanlagen. Oder auch an das Tivoli-Theater, das heute Thema unserer Serie „Verschwunden“ ist.

Neustart nach Großbrand 1890

Es war ein Haus des Entertainments, der leichten Muse, des lustvollen Singspiels. Hier, in der Straße An der Weide, hatte ursprünglich der Sommersitz eines Bremer Kaufmanns gestanden. Mitte des 19. Jahrhunderts öffnete auf dem Areal dann ein „Volksgarten“. Operetten, Komödienaufführungen, Sommertheater – hier ging man hin, um sich zu amüsieren. Die Anlage wurde immer weiter ausgebaut. Das Sommertheater zog 1852 zum Osterdeich um. Aber auch An der Weide ging es weiter – zunächst mit Gastspielen. Schließlich kam der Name „Tivoli“  – Vergnügungsstätte – auf.

Nach einem Feuer im Jahr 1890 folgte ein richtiger Neustart mit einem größeren, prächtigeren Gebäude. In der Nachbarschaft war gerade der Bremer Hauptbahnhof entstanden, die Hansestadt wuchs und gedieh im Schwung von Industrieepoche und Reichsgründung.

Nach 1924 erhielt der Film in das Operettentheater Einzug

Das Tivoli-Theater hatte 3000 Plätze. Es wurden Varietéprogramme gezeigt und Operetten gespielt. Der Kaufmann Leopold Gross wandelte das Tivoli schließlich in ein reines Operettentheater mit nunmehr 1800 Plätzen um.

Anno 1920 übernahm das Stadttheater das Tivoli. Das lief aber nur bis 1924. Dann kehrte Gross zurück. Er ging mit der Zeit und setzte auf eine neue Unterhaltungsform – auf den Film. Und so wurde das Tivoli in ein großes Kino verwandelt. 1927 pachtete die Kinobetreiberfirma Luedtke und Heiligers das Haus. 1929 lief hier einer der ersten großen amerikanischen Tonfilme, „The Singing Fool“ – mit dem damals weltberühmten Entertainer Al Jolson.

Im Zweiten Weltkrieg sind die „Tivoli-Theater-Lichtspiele“ zerstört worden. Es gab einen Neuaufbau, der 1948 unter dem Namen „U.-T. am Bahnhofsplatz“ eröffnet wurde. 1949 wurde der Sitz des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) in den Kino-Bau integriert. Das „U. T.“ überstand das große Kinosterben nach dem Siegeszug des Fernsehens, allerdings wurde die Zahl der Vorführsäle reduziert. Ende 2000 wurde das Kino dann geschlossen. Im Anschluss enstand ein reines Gewerkschaftsgebäude. Singspiele, Kino, Entertainment – das war einmal.

Das Unterhaltungsprogramm ging - der Name „Tivoli" bleibt

Der Name Tivoli aber hat sich in der Nachbarschaft erhalten. Noch bis 1957 stand gleich nebenan das „Tivoli-Café“, ein lange Zeit beliebtes Lokal mit Terrassenanlagen und Garten. Dann aber kam das Ende, das Café wurde abgerissen. Die Fassade war ohnehin abgesackt, eine späte Folge des Krieges.

Außerdem gab es Pläne für etwas ganz Großes – 1962 wurde nur wenige Meter entfernt das 53 Meter hohe Tivoli-Hochhaus mit 16 Etagen eröffnet. Ein Bauwerk, an dem nun rein gar nichts mehr an die operettenhafte Leichtigkeit eines sommerlichen Singspiels erinnert, ganz im Gegenteil. Die Architekten – Max Säume und Theodor Siegfried Morschel – bauten in jenen Jahren auch das 61 Meter hohe Siemens-Hochhaus, das wiederum nicht weit vom Tivoli-Hochhaus entfernt steht. Bauwerke wie diese veränderten Bremen radikal – gerade am Bahnhof, einem Portal zur Stadt.

Dem vergnüglichen Namen „Tivoli“ übrigens hält auch die Gewerkschaft die Treue. Noch heute gibt es den „Tivoli-Saal“ des Gewerkschaftshauses.

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