„Lokal allein geht‘s nicht“

„ÖPNV für lau“ gilt in Bremen als wenig realistisch

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Straßenbahnen an der Domsheide in der Bremer Innenstadt.

Bremen - Von Thomas Kuzaj. Dicke Luft in deutschen Städten – da droht eine Klage der EU-Kommission. Vor diesem Hintergrund hat der Bund einen alten Vorschlag vom politischen Abstellgleis geholt – die Idee des kostenlosen öffentlichen Nahverkehrs (wir berichteten). Eine Forderung, der auch in Bremen Sympathie entgegengebracht wird. Die Umsetzung aber gilt als nicht realistisch.

„Die Forderung, den ÖPNV auf ,kostenlos‘ zu schalten, um eine Umweltproblematik in den Griff zu kriegen, ist zu kurz gesprungen“, sagt beispielsweise Jens-Christian Meyer, Sprecher der Bremer Straßenbahn AG (BSAG). Ohnehin könne eine solche Frage nur national entschieden werden. „Lokal geht‘s nicht.“ Denn wegen der vielen Pendler würden die Bremer mit einem Gratis-ÖPNV „Verkehr aus dem Umland mitfinanzieren“. Zudem sieht Meyer den Umsonst-Aspekt eh mit Skepsis: „Autofahrer zahlen ja auch für ein Auto. Es ist besser, sie mit Argumenten zu locken.“

Wenn eine Entscheidung für eine kostenlose Bus- und Bahnnutzung fallen sollte, dann wäre eine gewisse Vorlaufzeit nötig, so Meyer weiter. „Für eine sehr viel höhere Nachfrage müssten einem Verkehrsbetrieb wie der BSAG dann auch mehr Fahrzeuge und ein vergrößertes Streckennetz zur Verfügung stehen. Sonst würde der Effekt sofort verpuffen.“ Sprich: Fahrgäste, die vom Auto auf überfüllte Busse und Bahnen umgestiegen sind, säßen schnell wieder am Steuer. Also müsste dem ÖPNV auf nationaler Ebene „das Rückgrat gestärkt“ werden: „Fuhrpark-Ausbau, Infrastruktur, Straßen für Busse.“

„Ablenkungsdebatte“

Im grünen Bremer Verkehrsressort hält man den kostenlosen ÖPNV zwar für „eine schöne Idee, eine schöne Vision“, wie Sprecher Frank Steffe sagt. Aber: „Bei allem Charme – das Problem, das damit gelöst werden soll, kann kurzfristig damit nicht gelöst werden.“ So handele es sich eher um eine „Ablenkungsdebatte“.

Was die Luftverschmutzung durch Dieselabgase und den Druck von der EU angehe, seien andere Maßnahmen sinnvoll. Steffe erwähnt beispielhaft eine Fahrzeug-Nachrüstung auf Kosten von Automobilkonzernen ebenso wie die Möglichkeit einer „Blauen Plakette“, mit der Wagen mit „besonderes sauberen Motoren“ von Fahrverboten ausgenommen werden könnten.

Plötzlich höhere Nachfrage bei gleichzeitigem Wegfall der Ticket-Einnahmen – Praxis-Probleme, die in der rein politischen Diskussion nicht immer eine tragende Rolle spielen. Die Linken haben den Ball „ÖPNV für lau“ gern aufgenommen.

Janßen: Wien als „Vorbild“

Nelson Janßen, umweltpolitischer Sprecher der Linken-Fraktion, fordert eine „soziale Verkehrswende in Bremen und Bremerhaven“. Janßen: „Die Ticketpreise der BSAG gehören zu den teuersten überhaupt, auch das Sozialticket und Monatskarten für Schüler sind aktuell viel zu teuer.“ Rot-Grün trage die Schuld daran. „Ein signifikanter Umstieg vom Auto auf Bus und Bahn findet in Bremen kaum statt. Deshalb ist es gerade in Bremen sinnvoll, einen Einstieg in den kostenlosen Nahverkehr zu wagen“, so der Abgeordnete. Und: „Sinnvoll wäre, dass Großbetriebe, die viele Pendler beschäftigten, sich an der Finanzierung beteiligen.“

Janßen nennt Wien als „Vorbild“, wo „ein Jahresticket umgerechnet einen Euro pro Tag kostet“. Auf das Wiener Modell mit der 365-Euro-Jahreskarte verweist auch BSAG-Sprecher Meyer. „Seit der Einführung der 365-Euro-Jahreskarte im Jahr 2012 stiegen sowohl die Verkaufs- als auch die Fahrgastzahlen stark an“, heißt es dazu auf der Homepage der „Wiener Linien“.

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