FRAGEN UND ANTWORTEN Lieferengpässe bei Medikamenten

„Nur lästig“

Die Liste von Apotheker Sebastian Köhler enthält mehr als 300 nicht lieferbare Medikamente und Wirkstoffe. Foto: Sussek

Bremen - Von Ralf Sussek. Immer öfter ist von Engpässen bei Arzneimitteln oder deren Wirkstoffen die Rede. Für neun von zehn selbstständigen Apothekern gehören Lieferengpässe zu den größten Ärgernissen im Beruf (2016: 35,5 Prozent). Und ist das für Patienten in Bremen nur ein Ärgernis oder gar eine Gefährdung?

Wann spricht man von einem Lieferengpass?

Ein Lieferengpass ist eine über zwei Wochen hinausgehende Unterbrechung der üblichen Auslieferung oder eine deutliche erhöhte Nachfrage, die das Angebot übersteigt. So definiert es die Bundesvereinigung der Apothekerverbände (ABDA). Ein Versorgungsengpass liegt demnach vor, wenn Alternativarzneimittel nicht zur Verfügung stehen.

Wie viele Arzneien oder Wirkstoffe sind von einem Lieferengpass betroffen?

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) führt eine (sich täglich ändernde, aktuelle Liste der von Herstellern gemeldeten Lieferengpässe. Zu der Meldung sind die Hersteller verpflichtet. Das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) führt eine solche Liste für Impfstoffe. Apotheker Sebastian Köhler, Vorstandsmitglied der Bremer Apothekerkammer und Inhaber der Horner Apotheke, hat auf seiner eigenen Liste mehr als 300 Medikamente und Wirkstoffe, die nicht zur Verfügung stehen – „primär verschreibungspflichte Präparate“ wie Antiepileptika und Psychopharmaka, aber auch Kalzium-Brausetabletten. „Selbst die Re-Importeure haben nichts mehr“, sagt Köhler.

Welche Arzneimittel sind besonders betroffen?

Schmerzmittel wie Ibuprofen, Blutdrucksenker (Beispiel: Valsartan), Säureblocker (Pantoprazol) und Antidepressiva (Opipramol) machten laut ABDA die Top Ten der Lieferengpässe im vergangenen Jahr aus.

Betreffen die Engpässe allein Apotheken oder auch die Krankenhäuser?

Auch das in Kliniken häufig verwandte Aspirin (für die intravenöse Verabreichung) und das Narkotikum Propofol sind rar geworden, berichtet Köhler. Anders hört sich das bei der Klinik-Gesellschaft Gesundheit Nord an. Die Zentralapotheke für die vier Kliniken habe „alle Entwicklungen auf dem Markt sehr frühzeitig im Blick und kann dementsprechend reagieren – wenn zum Beispiel eine Charge ausfällt – und Alternativen wie Importe oder andere Hersteller finden“, sagte ein Sprecher. Wie das in der aktuellen Situation mit weltweiten Engpässen gelingen soll, sagte der Sprecher nicht. Schon 2017 erhielt laut ABDA mindestens jeder zweite von einem Engpass betroffene Patient in Apotheken „Arzneistoff zweiter Wahl“ oder eine „weniger geeignete Darreichungsform“ (zum Beispiel 100-mg-Tabletten statt 50 mg; die dann zur Einnahme geteilt werden, oder Zäpfchen statt Tabletten). In Kliniken waren es demnach mehr als 60 Prozent.

Was ist der Grund für die Lieferengpässe?

„Wir vermuten, dass es an der Basis anfängt“, sagt Köhler. Soll heißen: Fällt eine Anlage aus, verbleiben wegen der Konzentration auf dem Arzneimarkt weltweit nur noch drei oder vier Hersteller. Er verweist auf Unglücke in China oder bei BASF in Texas, USA. Teilweise laufen die Produktionen für Antibiotika und den Schmerzwirkstoff Ibuprofen zwar wieder, die Ausfälle sind aber noch nicht aufgeholt. Die weltweite Produktion von Antibiotika-Wirkstoffen zum Beispiel findet aus Kostengründen oft in wenigen Betrieben in Fernost statt, weiß die ABDA zu berichten. Steht die Produktion still oder fällt wegen Qualitätsmängeln eine komplette Charge aus, können auch große Hersteller in Europa nicht liefern.

Wie kann dem begegnet werden?

Als Grund für die Konzentration in Asien wird oft der hohe Kostendruck angeführt. Und wenn die Nachfrage steigt, liefern Hersteller laut Köhler wegen der dort höherer Erträge lieber in andere Länder als nach Deutschland. Auch Rabattverträge der Krakenkassen werden für die Engpässe mitverantwortlich gemacht. Die Krankenkassen bestreiten einen Zusammenhang, der Ersatzkassen-Verband behauptet in seiner Analyse das Gegenteil („Rabattverträge verhindern Engpässe“). Unabhängig von den Ursachen gilt: „Es darf nicht schlimmer werden“, sagt Köhler. Für die meisten Patienten bestehe da keine Gefahr, für die sei es „nur lästig“. Anders sieht es aus bei Patienten, die (zum Beispiel wegen Allergien) auf ein bestimmtes Mittel angewiesen sind: Das könne auf Sicht „potenziell bedrohlich“ werden. Eine schnelle Besserung sei nicht in Sicht: „Wir reden hier nicht über drei Monate.“

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