5 Prozent weniger Azubi-Verträge

„Not macht kreativ“ - Bremer Handwerk steuert durch Krise

Stillstand: Noch sind die Biergärten an der Schlachte verwaist. Doch die Weichen für eine „schrittweise Rückkehr in den Normalzustand“ sind gestellt. Foto: DPA/SCHULDT
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Stillstand: Noch sind die Biergärten an der Schlachte verwaist. Doch die Weichen für eine „schrittweise Rückkehr in den Normalzustand“ sind gestellt.

Bremen - Es geht wieder los. Die Wirtschaft wird hochgefahren. Vorsichtig und auf ein niedriges Niveau. Friseure dürfen nach sechswöchiger Zwangspause seit Montag wieder zu Föhn und Lockenstab greifen. Kosmetikbetriebe und Nagelstudios sind seit Mittwoch zurück im Spiel.

Die Corona-Krise hat Geld gekostet. Und wird noch viel Geld kosten. Die Situation im Bremer Handwerk mit seinen 131 Gewerken ist heterogen. „Einige Branchen wie die Bau- und Ausbaugewerke haben relativ stabil durchgearbeitet, bei anderen sind die Einnahmen von einem auf den anderen Tag weggebrochen“, sagte Thomas Kurzke, Präses der Handwerkskammer, am Freitag in einem Pressegespräch.

Alle Wirtschaftszweige seien von den Auswirkungen der Corona-Pandemie betroffen, sagt auch Ingo Kramer, Präsident der Arbeitgeberverbände. Das sei der große Unterschied zur Finanzkrise vor zehn Jahren. „Damals hat es zwei Hände voller Branchen erwischt, heute sind maximal zwei Hände voll nicht betroffen.“ Kramer weiter: „Das macht es so schwierig, Veränderungen in Gang zu setzen.“ Die Lockerungen seien notwendig. „Es ist wichtig, wieder Perspektiven zu eröffnen.“ Es gehe darum, wirtschaftliche Zuversicht zu generieren. Kramer hat sie: „Ende des nächsten Jahres werden wir wieder da sein, wo wir vor der Corona-Krise waren.“ Allerdings nur, wenn nicht nur in „Worst-Case-Szenarien“ gedacht werde.

Die Unternehmensverbände haben sich am Freitag mit Vertretern der Agentur für Arbeit in Bremen zum „fachlichen Austausch“ getroffen. Kurzarbeit habe sich als Rettungsanker für viele Firmen erwiesen, sagte Bärbel Höltzen-Schoh, Vorsitzende der Geschäftsführung der Regionaldirektion Niedersachsen-Bremen der Agentur für Arbeit. „Die Zahlen sind hoch.“ Doch die Kassen der Agentur sind gut gefüllt. „Wir packen das. Die Reserve wird in Anspruch genommen.“ Sie beobachtet nach den ersten Lockerungen des Lockdowns eine „leichte Marktbelebung“. Die „schrittweise Annäherung an den Normalzustand“ werde sich fortsetzen, wenn Gastronomen, Hoteliers und weitere Branchen in den Markt zurückkehren.

Zurück zum Handwerk. Auch hier hilft Kurzarbeit. Und Ideenreichtum. „Not macht kreativ“, so Kurzke. So hat das Schneider-Handwerk seine Produktion kurzfristig umgestellt und zusätzliche Geschäftsfelder entdeckt. Die Glaserei Lenderoth fertigt jetzt vermehrt Trennwände aus Glas sowie „Husten-, Nies- und Tropfenschutz“ (der Begriff „Spuckschutz“ sei markenrechtlich geschützt und dürfe nicht verwendet werden, so Christophe Lenderoth). Und die Firma rüstet Türen auf automatischen Antrieb um. „Das senkt die Infektionsgefahr.“ Schließlich seien Türklinken und Griffstangen ein Sammelplatz für Bakterien und Viren.

Was sich die Handwerksbetriebe zukünftig wünschen, ist eine bessere Informationspolitik. So wurde Stefan Hagens („Hairliners“) von der kurzfristigen Schließungsverordnung quasi kalt erwischt. Er habe damit gerechnet, am Montag (23. März) schließen zu müssen. Doch am Freitag habe die Innenbehörde beschlossen, dass die Bremer Friseure bereits am Sonnabend die Schere aus der Hand legen müssen. „Und dann hatte ich Besuch vom Ordnungsamt.“

Noch unklar sind die Auswirkungen der Corona-Krise auf den Ausbildungsmarkt. Im Frühjahr seien 15 Prozent weniger neue Ausbildungsverträge für das nächste Lehrjahr (ab August/September) abgeschlossen worden, sagte Andreas Meyer, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer. Die Zahl sei auf den Gesamtmarkt übertragbar, bestätigte Joachim Ossmann, Chef der Arbeitsagentur Bremen. Doch das sei nur eine Momentaufnahme. Die Hoch-Zeit der Vertragsabschlüsse beginnt im Frühsommer. Aktuell seien in Bremen 4 317 Ausbildungsplätze und 3 836 Bewerber gemeldet, sagte Ossmann.

Eine gute Nachricht gibt es auch: Läuft nichts mehr schief, dann werden die Azubis aller Gewerke vor der Sommerpause „abgeprüft“ sein, sagte Meyer. Bestehen sie ihre Prüfung, steht dem Start ins Berufsleben im Spätsommer nichts im Wege.

Aktuelle Corona-Zahlen aus Bremen

Das Land Bremen meldete am Montagabend bislang 1 053 (+3) bestätigte Corona-Infektionen (davon 81 in Bremerhaven) – davon gelten 593 Patienten (+21) als genesen. Ein weiterer Mensch starb, berichtete das Gesundheitsressort. Damit sind bisher 34 Patienten (+1) mit einer Covid-19-Infektion gestorben, ein Großteil in Pflegeheimen. 57 Patienten werden zur Zeit in Kliniken versorgt, sieben müssen beatmet werden, berichtete Ressortsprecher Lukas Fuhrmann. In der vergangenen Woche wurden 4 550 Menschen auf Corona getestet – etwa 650 pro Tag. gn

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