„Ultra“-Prozess: Einblicke ins Leben des Hauptangeklagten

„Nichts übers Knie brechen“

„Kooperativ“ und mit einem Hang zu „Schwarz-Weiß-Denkmustern“: Berichte gaben gestern Einblicke in das Leben von Valentin S. (21, hier bei Prozessbeginn). - Foto: Koller

Bremen - Von Steffen Koller. Auf einmal könnte es ganz schnell gehen im Prozess gegen die Werder-„Ultras“ Valentin S. (21) und Georg S. (23). Bereits für die kommende Woche sind die Plädoyers am Landgericht Bremen vorgesehen, ein Urteil nicht auszuschließen. Gestern gaben eine JVA-Mitarbeiterin und eine Jugendgerichtshilfe Einblicke in das Leben des Hauptangeklagten.

„Sehr höflich“, „kooperativ“, „überlegt“ – es sind nicht die typischen Eigenschaften, die man bei einem 21-Jährigen vermuten würde, der seit zehn Monaten unter anderem wegen gefährlicher Körperverletzung in Untersuchungshaft sitzt. Doch genau so habe sich Valentin S. gegenüber der Diplompädagogin und Mitarbeiterin der Justozvollzugsanstalt (JVA) Bremen über Monate hinweg gezeigt, berichtet die 50-Jährige gestern vor Gericht.

In mehreren Gesprächen habe sie versucht, Valentin kennenzulernen. Versucht, zu verstehen, was ihn antrieb, gleich wegen mehrerer Fälle von Gewalt angeklagt zu werden. Sie beschreibt ihn weiter als „distanziert“, „selbstbewusst“ und „keineswegs manipulativ“.

Doch es kommen auch die vermeintlichen Schattenseiten des jungen Mannes ans Licht. So habe er sich an verbotenen „Spaßkämpfen“ in der JVA beteiligt und gefalle sich in der Rolle des Stärkeren, heißt es von der Zeugin. In der internen Gefängnishierarchie befinde sich Valentin im „oberen Bereich“. Soll heißen: „Er gehört nicht zu den Unterdrückten“, sagt die Frau. Andererseits habe sich S. regelmäßig in der Bildhauerwerkstatt eingebracht und zeige die Bereitschaft, seine Taten zu reflektieren. Vieles klingt nach einem typischen Jugendlichen: mal geordnet, mal rebellisch – und im Fall von S. mit einem Hang zur Gewalt.

Valentins Biografie liest sich nicht gerade außergewöhnlich. Aufgewachsen in Bremen, durchläuft er eine normale Schullaufbahn, macht 2015, kurz vor seiner Inhaftierung im Juli, sein Fachabitur. Seine Eltern sind Lehrer und seit seiner frühen Kindheit geschieden, zu beiden habe er dennoch guten Kontakt, heißt es im Bericht. Im frühen Jugendalter soll er sich der linken Szene angeschlossen haben, „Schwarz-Weiß-Denkmuster“ und die Unterscheidung von „guter und böser Gewalt“ hätten sich bei ihm ausgeprägt.

Zurückzuführen sei dies unter anderem auf eine geringe Grenzsetzung in der Kindheit, heißt es weiter. Die Jugendgerichtshilfe kommt letztlich zum Schluss, bei einer Verurteilung das Jugendstrafrecht zur Anwendung zu bringen. Ihre Empfehlung: weitere Gespräche und Therapieangebote – keinesfalls Gefängnis. Denn: „Das tut ihm nicht gut.“

Bereits für die kommende Woche sind die Schlussvorträge geplant. Man habe sich ein umfangreiches Bild machen können, so der Vorsitzende Richter Manfred Kelle. Besonders ins Gewicht bei der Strafzumessung falle bei S. eine Tat in Rostock, bei der er einen Fotografen mit einem Steinwurf verletzt haben soll.

Hinzu kommt eine mutmaßliche Prügelattacke auf einen Angehörigen der rechten Szene in Bremen beim Nordderby im vergangenen Jahr. Auch ein Urteil sei für die kommende nicht auszuschließen, so Kelle, der aber auch anmerkt: „Wir wollen nichts übers Knie brechen.“

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