Straßennamen erzählen Geschichten (405): Die Nettelbeckstraße in der Neustadt / Erinnerung und Legendenbildung

Napoleon und der preußische Volksheld

Kreiszeitung Syke

Bremen - Von Thomas Kuzaj· Unübersehbar ragt er in den Himmel über der Neustadt, der erdenschwere Betonkoloss. Wer von der Kornstraße durch die Nettelbeckstraße geht, der kommt direkt auf ihn zu – auf den Bunker an der Hardenbergstraße, der das Bild der Nettelbeckstraße mitprägt.

Grün ist der Betonkoloss, und auf dem grünen Grund wächst ein riesenhafter Halm in die Höhe – die „Korn ähre“, ein Wandbild des Künstlers Jürg Andermatt. 1977 hat er die Bunkerfassade bemalt – im Rahmen des Programms „Kunst im öffentlichen Raum“. Ein friedliches Symbol pflanzte er so in die Neustadt, die (hier und andernorts) nicht allein durch etliche kleine Straßen, sondern auch durch Gärten hinter den oft viele Jahrzehnte alten Reihenhäusern geprägt ist. 26,40 Meter ist der Halm hoch.

Ein Friedenssymbol und ein Kriegsbunker – ein Spannungsfeld, in das der Name der Nettelbeckstraße ziemlich gut hineinpasst. Der Name auf dem Straßenschild erinnert an den Steuermann, Kapitän und Schnapsbrenner Jo achim Nettelbeck (1738 bis 1824) – aber nicht, weil er ein Seefahrer war, sondern weil er als preußischer Volksheld galt.

Und das wiederum hat mit den Befreiungskriegen und den Kriegen gegen Napoleon zu tun. Bei der Belagerung seiner Heimatstadt Kolberg durch Napoleons Truppen organisierte Nettelbeck Bürgerwehren, er trat als Verteidiger seiner Vaterstadt in Erscheinung; diese Rolle machte ihn zu Lebzeiten weithin berühmt. Die Stadt Kolberg (Kolobrzeg, Woiwodschaft Westpommern) liegt in Polen. Um Kolberg ranken sich seit Nettelbecks Zeiten Legenden, die gerne auch – wie bei Heldengeschichten nicht unüblich – politisch instrumentalisiert wurden. Der deutsche Literaturnobelpreisträger Paul Heyse (1830 bis 1914) schrieb das Drama „Colberg“, das zur Pflichtlektüre an preußischen Gymnasien wurde. Die Stadt Kolberg machte den Dichter anno 1890 zum Ehrenbürger.

Heyses Drama diente – neben Nettelbecks Erinnerungen – in den Jahren 1943/44 als (verheimlichte) Vorlage für weite Teile des NS-Durchhaltefilms „Kolberg“, den der Regisseur Veit Harlan drehte – jener Harlan, von dem auch der antisemitische Hetzfilm „Jud Süß“ stammte. Der Propagandafilm „Kolberg“ wurde am 30. Januar 1945 uraufgeführt und sollte den Durchhaltewillen stärken.

Zurück zu den Auseinandersetzungen mit Napoleons Truppen. Rund um die Nettelbeckstraße trägt eine ganze Reihe von Straßen in der Neustadt Namen, die auf diese Zeit verweisen. Darunter sind die Gneisenaustraße (der preußische Offizier August Graf Neidhardt von Gneisenau verteidigte Kolberg mit Nettelbeck), die Möckernstraße (Möckern liegt bei Leipzig, dort gab es anno 1813 im Zusammenhang mit der Völkerschlacht einen ersten Sieg über Napoleons Truppen) und nicht zuletzt die Kolberger Straße.

Die Erinnerung an die Auseinandersetzungen mit Napoleon – etwa durch Straßenbenennungen – mag Bremern früherer Generationen auch wichtig gewesen sein, weil Bremen selbst einmal zu Napoleons Kaiserreich gehört hat – in der „Franzosenzeit“ von Dezember 1810 bis Oktober 1813.

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