„Standbilder und ihre Geschichte“: Der „Rosselenker“ in den Wallanlagen

Zu nackt für das Wohngebiet

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Der „Rosselenker“ in den Wallanlagen – hier zu sehen seit 1902. ·

Bremen - Von Thomas KuzajEin Pferd – ohne Kaiser, König oder Kanzler auf dem Rücken, dafür aber mit einem nackten Mann an seiner Seite. Der „Rosselenker“ von Louis Tuaillon steht seit 1902 in den Wallanlagen – unterhalb des Theaterbergs, in der Nähe des Bischofstors.

Der Bronzeguss (Bildgießerei: das renommierte Unternehmen Hermann Noack, damals noch Berlin-Friedenau) war ein Geschenk des Bremer Unternehmers, „Petroleumkönigs“ und Mäzens Franz Ernst Schütte (1836 bis 1911), der so manches Mal auf das Stadtbild Bremens Einfluss nahm – nicht zuletzt durch sein Drängen auf den Bau des Neuen Rathauses, das 1913 fertiggestellt wurde.

Der „Petroleumkönig“

nimmt Einfluss

Franz Schütte engagierte sich auch für die Aufstellung des Bismarck-Reiterstandbilds vor dem Dom – und er stiftete zudem das Denkmal für Kaiser Friedrich III. an der Hermann-Böse-Straße, das ebenfalls von dem Berliner Bildhauer Louis Tuaillon (1862 bis 1919) stammt.

Eine von Schütte gegründete Baugesellschaft bebaute seit der Jahrhundertwende den Bereich zwischen Bürgerweide und Barkhof. Der Unternehmer und Mäzen wollte den neu entstehenden Stadtteil mit einem Kunstwerk schmücken, wenn nicht gar krönen. Seine Wahl fiel auf Tuaillons „Rosselenker“.

Aber der Kaufmann hatte nicht mit der Prüderie seiner Vaterstadt gerechnet. Erregung kam auf. Nicht wegen des Pferdes, sondern wegen des Mannes neben dem Pferd. „Die nackte Gestalt erregte Anstoß“, heißt es im „Großen Bremen-Lexikon“ des Historikers Herbert Schwarzwälder (1919 bis 2011). Der „Rosselenker“ – er war einfach zu nackt für das neu entstehende Wohngebiet.

So kam das Bronzeensemble in die Wallanlagen, da gibt es ja schützendes Blattwerk, und für den kleinen Platz an der Hermann-Böse-Straße gab Schütte bei  Tuaillon das Denkmal für Kaiser Friedrich III. in Auftrag, das 1905 aufgestellt wurde.

Friedrich III. (1831 bis 1888), der „99-Tage-Kaiser“, genoss in der bremischen Kaufmannschaft, im liberalen Bürgertum, ein hohes Ansehen – nach seinem frühen Tod war er im Deutschen Reich zu einem Vertreter des Liberalismus stilisiert worden. Ein Mythos, der sich lange Zeit gehalten hat.

Doch zurück in die Wallanlagen, zurück zum „Rosselenker“, dessen nackte Gestalt an diesem Standort keinen Anstoß mehr erregte. Während des Zweiten Weltkrieges wurden Ross und Lenker in der Kunsthalle untergebracht. Von 1951 bis 1953 stand Tuaillons Werk dann im Übersee-Museum.

1953 wurde der „Rosselenker“ dann restauriert und wieder an seinem ursprünglichen Standort aufgestellt. 1980 ist das Ensemble durch einen Neuguss ersetzt worden, heißt es bei Schwarzwälder.

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