Annelie Keil ist eine gefragte Gesundheitsexpertin

Die Mutmacherin

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Gesundheitsexpertin Annelie Keil sitzt in Bremen in ihrem Garten. Die emeritierte Professorin weist Menschen aus Krisen einen Weg, in einer Sprache, die jeder versteht. Bundesweit ist sie als Gesundheitsexpertin gefragt.

Bremen - Von Janet Binder. Annelie Keil gibt den Menschen Kraft. Die emeritierte Professorin weist ihnen aus Krisen einen Weg, in einer Sprache, die jeder versteht. Bundesweit ist sie als Gesundheitsexpertin gefragt.

Annelie Keil ist eine Menschenfängerin. Wenn die 76-Jährige einen Vortrag hält, kommen die Zuhörer zum Teil von weit her. Die Themen der emeritierten Professorin für Sozial- und Gesundheitswissenschaften an der Uni Bremen bewegen die Menschen, und sie rütteln meist an Tabus: Krankheit, Gesundheit, Sterben und Sterbebegleitung. Keil schreibt darüber Bücher und hält Vorträge. Ihre Tipps in Lebenskrisen sind bundesweit gefragt.

An diesem Nachmittag hat sie ein Heimspiel. Sie spricht vor 30 Frauen in der Einrichtung „Frauengesundheit in Tenever“ in einem benachteiligten Bremer Stadtteil. Keil finanziert dort seit Jahren eine Suppenküche. Zum Nachtisch diskutiert Keil mit den Frauen über das Thema Hilflosigkeit. Es sei wichtig, diese erst einmal überhaupt zu erkennen, um dann die Krise in die eigenen Hände zu nehmen, sagt Keil.

Auch sie hat Hilflosigkeit oft erlebt. Ihre Mutter gab sie zunächst in ein Heim. Später flohen beide aus dem Gebiet des heutigen Polens in den Westen. „Wir haben lange von Sozialhilfe gelebt“, sagt Keil. „Das war eine tiefe soziale Scham.“ Dieses Gefühl kennen auch ihre Zuhörerinnen in Tenever. Sie fühlen sich von der Professorin ernst genommen. „Man merkt, dass man nicht allein ist mit seinen Problemen“, sagt eine Teilnehmerin, die schon oft zu Annelie Keils Vorträgen gekommen ist. Ihr gehe es gar nicht um konkrete Hilfe: „Wie Annelie Keil ihr Leben meistert, gibt mir Kraft.“

Ihre Erfahrungen prägten Annelie Keil sehr. „Deswegen habe ich Soziologie, Politikwissenschaften und Pädagogik studiert: Damit ich verhindern kann, dass es anderen so geht, wie es mir erging.“ Sie promovierte, arbeitete an der Universität Göttingen, später ging sie an die Uni Bremen. Denn sie war begeistert von deren Reformgedanken: „Die Uni wollte den Elfenbeinturm der Wissenschaft sprengen, wollte eine Uni für alle Kinder - auch des Proletariats - sein“, sagt Keil. Sie blieb dort bis zur Rente.

Das Leitbild der Uni Bremen, Wissen praxisbezogen zu vermitteln, verinnerlichte Keil bis ins Tiefste. Bei ihren Studenten war sie deshalb sehr beliebt. Ähnlich ist es heute bei ihren Vorträgen vor Frauen mit Migrationshintergrund oder Ehrenamtlichen in Hospiz- und Palliativdiensten.

Auch Jutta Flerlage, Mitarbeiterin der „Frauengesundheit in Tenever“, erlebt immer wieder, wie beglückt die Besucherinnen des Treffs von den Worten Keils sind. Sie gebe den Menschen Mut, auch schwierigste Situationen bewältigen zu können - sei es eine Trennung, Krankheit oder ein Todesfall. Dabei berichte sie mit so anschaulichen Worten aus ihrem Erfahrungsschatz, dass auch Frauen mit weniger Bildung sie verstünden. „Die Frauen sind beflügelt, egal wie schwer das Thema war.“

Fast ihr ganzes Leben lang hatte Keil mit schwerwiegenden Krankheiten zu kämpfen. Der Zusammenhang zwischen seelischer und körperlicher Gesundheit wurde zu ihrem wichtigsten Forschungsgebiet. „Wenn die Organe streiken, kommt das nicht aus dem Nirwana“, ist sie überzeugt. Ihr eigener Herzinfarkt mit 40 war Folge einer „allgemeinen Stresssituation, die sich verdichtet hatte“. Sie hatte einfach zu viel leisten wollen. Krankheiten könne jedoch niemand verhindern.

Mit 76 Jahren ist sie fast pausenlos unterwegs zu Vorträgen, Talkshows und Interviews. Anstrengend findet sie das nicht. Im Gegenteil. „Das Reisen ist meine Form von Meditation“, sagt sie. Vor allem aber gibt ihr der Zuspruch der Menschen viel Kraft. „Ich sage immer, ich hole mir meinen „Liebesschauer“ ab.“

dpa

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