„Mut-Tour“ wirbt für offenen Umgang mit Depressionen

Auf Rädern und in Kajaks zurück ins Leben

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Teilnehmer der „Mut-Tour“ stellen sich auf dem Bremer Marktplatz mit ihren Tandem-Fahrrädern vor. Mehrere Wochen bewegen sie sich in Teams durch Deutschland. Thema der Aktion ist der offene Umgang mit der Krankheit Depression.

Bremen - Von Dieter Sell. Die tiefliegenden Tandems sehen schnittig aus und fallen mit ihren robusten weißen Rahmen und dem Aufdruck „mut-tour.de“ gleich auf. Und sie sind echte Lastesel. „Mit Gepäck und Besatzung kommen da schon bis zu 250 Kilo zusammen“, schätzt Sebastian Burger. Der 37-Jährige ist Initiator der „Mut-Tour“, die am Montag vom Bremer Marktplatz aus gestartet ist. Zunächst auf Rädern und später auch in Zweier-Kajaks und zu Fuß bewegen sich die Teilnehmer des Aktionsprogramms bis zum 26. August durch Deutschland und werben dabei für einen offenen Umgang mit der Depression als Erkrankung.

Unter den Aktiven sind Menschen, die aus Solidarität zum Thema mitfahren und solche, die bereits Erfahrungen mit Depressionen gemacht haben. „Alle zusammen erleben, wie leistungsdruckfreier Sport, Struktur, Natur und Gemeinschaft die Stimmung heben“, sagt Burger, der erstmals vor fünf Jahren eine Tour gestartet hat. Bis heute haben sich 126 Depressionskranke und andere Interessierte beteiligt und dabei mehr als 22.000 Kilometer zurückgelegt.

In diesem Jahr sollen in Trägerschaft der Deutschen Depressionsliga als bundesweit engagiertem Betroffenenverband auf dem Weg durch die meisten Bundesländer noch einmal 3200 Kilometer dazukommen. 45 Teilnehmer haben sich angemeldet. Unter ihnen ist auch Maria (38), die nach der Geburt ihres Kindes und einige Jahre später depressive Phasen erlebt hat. Die sportliche Frau schätzt den heilsamen Beitrag der Bewegung in Gemeinschaft und besonders die Idee, mit Tandems loszufahren.

„Gibst Du nicht auf, geb’ ich nicht auf“

Die Tour auf den Rädern, die auch in Wildeshausen Halt machte, tut ihrer seelischen Gesundheit gut, auch weil sie über Krisen hinweghilft. „Gibst Du nicht auf, geb’ ich nicht auf – es geht darum, den Alltag mit der Hilfestellung anderer zu bewältigen“, sagt sie und meint damit nicht nur den Radweg bergauf. „Seit vier Jahren geht es mir sehr gut“, sagt Maria, die glücklich darüber ist, dass sie sowohl in ihrem privaten als auch in ihrem beruflichen Umfeld offen mit ihrer Krankheit umgehen kann. „Es ist ein Jammer, dass das oft nicht möglich ist“, sagt sie. Bei ihr im Betrieb gebe es keine Missgunst, keine verurteilenden Kollegen, niemanden, der sie schneide, weil sie „eine Macke“ habe. „Das ist ein großer Luxus“, betont die junge Frau.

Das Tabu brechen, über die Krankheit reden, gegen die Stigmatisierung depressiver Menschen angehen, das sind Ziele der Tour, die Sebastian Burger ins Leben gerufen hat, nachdem er selbst erlebt hat, wie es einer Freundin ging, die 2007 an einer Depression erkrankte. Sie fürchtete um ihren Job. Viele Betroffene verlören Freunde und gerieten sozial in die Isolation, was die Krankheit zusätzlich verstärke, warnt er.

Beschissen, aber man kann damit leben

„Das Stigma, dem sie damals ausgesetzt war, hat mich empört“, sagt Burger, der in einer seelischen Krise selbst schon den wohltuenden Einfluss von Bewegung in der Natur erlebt hat. „Depression ist beschissen, ja. Aber man kann damit leben – das wollen wir an die große Glocke hängen“, betont er.

Das unterstützt auch Willi Lemke, ehemaliger UN-Sonderberater für Sport im Dienst von Frieden und Entwicklung. Als Schirmherr ist er am Montag zum Start auf den Bremer Marktplatz gekommen. „Über Depressionen wird nicht offen geredet, das ist furchtbar“, sagt er. Da sei die Tour als mutmachende Initiative wichtig: „Wenn da Öffentlichkeit erzeugt wird, lohnt sich das hundert Mal.“

Die „Mut-Tour“ führt bis 26. August auf zwei Radstrecken von Bremen aus Richtung Süden (Endpunkte Basel und Leipzig). Eine Kajak-Wanderung führt auf der Elbe von Wittenberg nach Tangermünde. Auch Fußstrecken sind geplant. 

epd

www.mut-tour.de

www.deutsche-depressionshilfe.de

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