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„Murat, es ist schon Mittag“: Der Fall des Bremers Murat Kurnaz anders erzählt

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Von: Johannes Nuß

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Ihr Sohn sitzt im US-Gefangenenlager Guantánamo, sie kämpft um seine Freilassung. Regisseur Andreas Dresen erzählt den Fall des Bremers Murat Kurnaz ganz neu.

Bremen/Berlin – Die eigentliche Geschichte ist bekannt: Ein türkischer Staatsbürger – in Bremen geboren und in Deutschland aufgewachsen – wird jahrelang im US-Gefangenenlager Guantánamo auf Kuba festgehalten. Regisseur Andreas Dresen hat in seinem neuen Film „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ den Fall Murat Kurnaz neu aufgerollt und erzählt ihn aus einer ganz anderen Perspektive als normal. Nämlich aus der Sicht der Mutter Rabiye Kurnaz, die jahrelang um ihren Sohn kämpfte.

„Murat, es ist schon Mittag“: Der Fall Kurnaz im Film „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ anders erzählt

Der Kampf um ihren Sohn beginnt am 3. Oktober 2001. In ihrem Bremer Wohnhaus klopft Rabiye Kurnaz energisch an die Zimmertür ihres Sohnes. „Murat, es ist schon Mittag!“, sagt die Mutter. „Murat, steh auf oder ich schneid‘ deinen Bart ab. Murat, lass‘ den Scheiß!“ Doch ihr Sohn ist längst weg. Regisseur Andreas Dresen ist bekannt dafür, dass er einen ungewöhnlichen Zugang zu Geschichten findet. Das gelingt ihm auch bei seinem neuen Film „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“.

Die Bremerin Rabiye Kurnaz zeigt bei einer Pressekonferenz im Jahr 2005 in Bremen das Passfoto ihres Sohnes Murat Kurnaz.
Ein neuer Film rollt den Fall Murat Kurnaz neu auf und zeigt das Geschehene aus der Perspektive der Mutter, Rabiye Kurnaz, die jahrelang für die Freilassung ihres Sohne gekämpft hat. (Archivbild) © Ingo Wagner/dpa

Der Film zeigt Rabiye Kurnaz als patente Frau mit blondierter Dauerwelle. Sie rauscht mit ihrem Mercedes durch die Stadt, quält sich ins Fitnessstudio und stäubt ordentlich Puderzucker auf den Apfelkuchen. Gespielt wird sie von der Comedienne Meltem Kaptan, bekannt aus „Ladies Night“, die in Köln lebt und in ihrer ersten Hauptrolle in einem deutschen Kinofilm zu sehen ist.

„Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“: Mutter zieht bis vor das oberste US-Gericht, um ihren Sohn zu befreien

Energiegeladen, mit Charme, Verschmitztheit und Witz zeichnet „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ das Porträt einer Frau, die bis zur Erschöpfung um ihr Kind kämpft. Bei der Berlinale gewann Kaptan für ihre schauspielerische Leistung direkt einen Silbernen Bären. Auch das Drehbuch von Laila Stieler wurde ausgezeichnet – mit ihr hatte Dresen etwa auch bei seinem zurückliegenden Film „Gundermann“ zusammengearbeitet.

Murat Kurnaz

Murat Kurnaz, geboren am 19. März 1982 in Bremen, ist ein türkischer Staatsbürger, der in Deutschland geboren und aufgewachsen ist. Er saß zwischen Januar 2002 und August 2006 ohne Anklage oder Verurteilung im US-Gefangenenlager Guantánamo auf Kuba. Kurnaz machte in Bremen seinen Hauptschulabschluss und begann daraufhin eine Ausbildung zum Schiffbauer. Quelle: Wikipedia

Dresens Film ist erstaunlich leicht und warm geworden, ohne dabei die schweren Momente zu vernachlässigen. Anders als andere Filme erzählt er den Schrecken von Guantánamo nicht vor Ort, sondern er lässt einen über einen Umweg mitfühlen. Letztlich zieht die Mutter bis vor das oberste US-Gericht, um ihren Sohn zu befreien. Daraus leitet sich auch der Filmtitel ab: „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“.

Der Fall Murat Kurnaz: Bremer war von 2002 bis 2006 in Guantánamo inhaftiert

Begleitet wird sie dabei vom Rechtsanwalt Bernhard Docke. Gespielt wird er in „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ von Alexander Scheer, der hatte auch schon die Hauptrolle in Dresens Liedermacherporträt „Gundermann“. Im neuen Film ergeben sich nun herzliche Szenen zwischen dem etwas steifen Anwalt mit Schnauzbart und der temperamentvollen Mutter, die Essen mitbringt und in Dockes Büro ungefragt einen Talisman aufhängt.

Murat Kurnaz war von 2002 bis 2006 in Guantánamo inhaftiert. Nach und nach enthüllt der Film den juristischen Kampf um seine Freilassung und die politischen Verwicklungen. Dresen erzählt davon feinfühlig und mit so lustigen Szenen, dass es im Kinosaal unerwartet viel zu lachen gibt. Als die Familie den Sohn, nach dessen Freilassung, irgendwann abholen kann, will er kurz aussteigen. Er wolle kurz allein sein. „Versteh‘ ich“, sagt seine Mutter, „ich komm‘ mit“.

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