„Ich hatte vollstes Vertrauen in ihn“

Mordprozess gegen Motorradfahrer: Ex-Freundin sagt aus

In seinen Videos präsentierte sich der 24-jährige Angeklagte (Mitte) als Rüpel und teilweise rücksichtsloser Raser. Rechts im Bild: Einer seiner beiden Verteidiger, Bernhard Docke. - Foto: Koller
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In seinen Videos präsentierte sich der 24-jährige Angeklagte (Mitte) als Rüpel und teilweise rücksichtsloser Raser. Rechts im Bild: Einer seiner beiden Verteidiger, Bernhard Docke.

Bremen - Von Steffen Koller. Als „emphatisch“ beschreibt sie ihn, in seinen Videos zeichnete er ein anderes Bild von sich: Im Prozess gegen einen 24-Jährigen, der sich unter anderem wegen Mordes vor dem Landgericht Bremen verantworten muss, charakterisierte die Ex-Freundin den Angeklagten als fürsorglich und vertrauenswürdig.

„Alpi“ guckt konzentriert in Richtung Zeugenstand; seinen Kopf leicht geneigt, schaut der 24-Jährige zu dem Polizisten, der ihm einen Tag nach dem tödlichen Unfall im Krankenhaus die schreckliche Nachricht überbrachte. „Alpi“, so nannte er sich auf seinem mittlerweile geschlossenen Youtube-Kanal, kam aus dem Operationssaal, da teilte der Beamte ihm mit, dass das Unfallopfer nicht überlebt hat. Der 75-Jährige wurde am 17. Juni beim Überqueren einer Ampelkreuzung in Walle vom Motorrad des Angeklagten getroffen, flog durch die Luft und starb noch an der Unfallstelle.

Werden Verkehrsunfälle mit tödlichem Ausgang aus juristischer Sicht oft als fahrlässige Tötung eingestuft, sieht Staatsanwalt Björn Krebs in diesem Fall jedoch zwei Mordmerkmale erfüllt. Zum einen die niedrigen Beweggründe, da sich der damals 23-Jährige mit seinen Fahrten „einen Kick verschaffen“ und „das Geltungsbedürfnis seiner Fans befriedigen“ wollte. Zum anderen sei dem tödlichen Unfall eine weitere Kollision mit Blechschaden vorausgegangen. Mit der Flucht vom Unfallort habe „Alpi“ dies verdecken wollen, so Krebs.

„Alpi“ sei hilfsbereit und emphatisch

Während die Anklageschrift das Bild eines jungen Mannes zeichnet, der ohne Rücksicht auf Verluste über Bremens Straßen raste, klingen die Zeugenaussagen eher so, als habe man es mit einem Menschen zu tun, der mitfühlend sei und das in ihn gesetzte Vertrauen nicht auszunutzen versuchte.

Die Ex-Freundin des Mannes beschreibt ihn als „hilfsbereit und emphatisch“. Auch sie sei mehrmals als Sozius auf seinem Motorrad mitgefahren und habe sich dabei „nie unwohl gefühlt“. „Ich hatte vollstes Vertrauen in ihn.“ Der Polizist, der ihn am Krankenbett besuchte, sagt, der Angeklagte habe „sichtlich berührt“ auf die Nachricht vom Tod des Rentners reagiert.

Blumen und ein Holzkreuz erinnern auf einer Kreuzung im Stadtteil Walle an den Tod eines 75 Jahre alten Mannes, der im vergangenen Juni hier von einem Motorradfahrer überfahren wurde.

Ganz anders führte sich „Alpi“ in seinen selbstgedrehten Videos auf. Dort beschimpfte er Verkehrsteilnehmer als „behinderte Hurensöhne“, „Spast“ und „Missgeburt“, während er auf seiner 200 PS starken Maschine – für die er keinen Führerschein besaß – mit mehr als 100 „Sachen“ über die Bremer Discomeile bretterte. Der junge Mann, der früher unentgeltlich Schülern Nachhilfe gegeben hatte und Lehrer werden wollte, sagt, seine Wortwahl sei „komplett unüberlegt“ gewesen.

Dadurch, dass ihm nie vorher etwas passiert sei, habe er einen „gewissen Puffer aufgebaut“, ein Gefühl, dass ihn glauben ließ, unverwundbar zu sein. Jetzt wisse er, dass das „ein naiver Gedanke“ war. „Ich will zu dem stehen, was ich getan habe.“ Heute würde er jedem abraten, so zu fahren, wie er es über Monate getan hatte.

Für das Opfer kommt diese Einsicht zu spät.

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