Modellprojekt: Diakon Schröder kümmert sich auf der Straße um Obdachlose

Seelsorge per Rucksack

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Der Bremer Diakon Harald Schröder (rechts) bringt nicht nur heißen Kaffee, wenn er Obdachlose wie Kurt in der Innenstadt besucht.

Bremen - Von Dieter Sell. Ein schneidend-kalter Wind pustet die Straßen in der Innenstadt leer. Umso besser, dass Harald Schröder Thermoskannen mit heißem Kaffee in seinen Rucksack gepackt hat. Mehrmals wöchentlich macht sich der 59-jährige Diakon auf den Weg, um Obdachlose zwischen Marktplatz und Bahnhof zu besuchen. Immer mittags, immer mit seinem Rucksack.

Dann geht es aber nicht nur darum, Heißes auszuschenken. Schröder wärmt den Menschen, die teils schon seit vielen Jahren auf der Straße leben, mit verlässlichen Besuchen die Seele. Dabei ist der Kaffee durchaus wichtig. „Die Wärme, das ist ein Stück Überlebensmittel“, hat Schröder erfahren, der bei seiner Tour am eigenen Leibe den scharfen Wind spürt, der durch die Straßenschluchten der Innenstadt zieht.

Finanziert aus einem Sonderfonds der Bremischen Evangelischen Kirche, soll das zunächst bis Frühjahr 2017 befristete Modellprojekt Menschen stärken, die keine Lobby haben: Männer und Frauen, die oft zuerst ihren Arbeitsplatz und später ihre Wohnung verloren haben. Menschen, die aufgrund einer familiären Krise oder einer schweren Erkrankung abgestürzt sind.

Die diakonische Wohnungslosenhilfe schätzt ihre Zahl in Bremen auf derzeit etwa 500. In ganz Deutschland waren es 2014 laut Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe 335000 Wohnungslose – Tendenz drastisch steigend.

Einer von ihnen ist Kurt, wie Schröder auch 59 Jahre alt. Der gelernte Kfz-Mechaniker lebt seit 15 Jahren auf der Straße und ist froh über den Besuch des Diakons. „Es sollte mehr Leute geben wie Harald“, sagt der Mann, der auf einer Brücke vor der malerischen Kulisse der Wallmühle sitzt, unter ihm ein Stoß Pappkartons, die ein wenig vor der Bodenkälte schützen sollen. „Der lässt keinen stehen und liegen.“ Das war auch so, als Kurt einen Leistenbruch erlitt. Schröder kümmerte sich um das Krankenhaus. Trotzdem springt der Darm manchmal noch raus. „Da muss ich aufpassen“, sagt Kurt, der ihn dann zurückdrückt. „Sonst ist Dadeldu.“

Viele Obdachlose sind krank, einige mit allem durch. „Job, eigene Gesundheit, Vermieter – nach dem Absturz und vielen vergeblichen Versuchen, wieder auf die Beine zu kommen, wird alles egal“, schildert Schröder die Situation, in der sie sich befinden. „Entweder kommt dann die Hilfe zu ihnen oder sie gehen ohne Hilfe drauf.“

Ein großer Teil der Wohnungslosen in Bremen bezieht keine Leistungen und versucht sich mit Betteln, Tagelöhnerei oder über den Verkauf der „Zeitschrift der Straße“ über Wasser zu halten. „Manche vegetieren auch“, sagt Schröder. „Dann verschwindet das Zeitgefühl, Tag und Stunde werden unwichtig.“ So kann es passieren, dass eine Verabredung mit ihnen zu einem Behördengang, der durchaus einen Funken Ermutigung bedeuten kann, nicht eingehalten wird. „Der Funke erlischt schnell, manchmal über Nacht“, sagt Schröder. Deshalb löst er Probleme gern an Ort und Stelle. Wenn es darum geht, warme Schuhe zu besorgen. Und wenn er versetzt wird, bleibt er doch an der Seite der Wohnungslosen. Schröder will niemanden reparieren, niemanden bekehren, niemanden verändern: „Ich sitze bei Kurt und rede mit ihm.“ Nicht im Stehen, sondern auf Augenhöhe. „Du kannst tun, was Du willst – solange Du möchtest, nehme ich Dich wahr, komme als Gast zu Dir“ – das ist der Grundsatz, mit dem der Rucksack-Seelsorger seine Arbeit macht.

epd

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