Am Mittwoch beginnt der Beluga-Prozess vor dem Bremer Landgericht / Stolberg: „Ich habe alles verloren“

Vom Überflieger zum Angeklagten

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Blick auf das ehemalige Beluga-Gebäude auf dem Teerhof im Herzen Bremens.

Bremen - Vorzeigeunternehmer, Self-Made-Millionär, Betrüger – Niels Stolberg schrieb man schon vieles zu, einiges war nicht schmeichelhaft. Der Ex-Reeder passt in keine Schublade. Nun kann er die Wahrheit erzählen – vor Gericht. Vor einer Großen Wirtschaftsstrafkammer des Bremer Landgerichts beginnt am Mittwoch, 20. Januar, der Betrugsprozess gegen „Verantwortliche der Unternehmensgruppe Beluga“.

Irgendwann muss Niels Stolberg sein verlässliches Gespür fürs Risiko verloren haben. Vielleicht waren es einfach zu viele Erfolge. Mit sicherer Hand lotste der Kapitän seine Reederei Beluga lange durch schwieriges Fahrwasser. Und es gab nur einen Kurs: Wachstum.

„Es hat ja immer funktioniert“, sagt der 55-Jährige. Doch dann rutschte die Reederei in die Krise und Stolberg wurde aus seiner eigenen Firma geworfen. Für ihn eine Katastrophe, wie er sagt. Ob das schon der Tiefpunkt war, wird sich in den nächsten Monaten vor Gericht zeigen.

Sein tiefer Fall ist nicht spurlos an Stolberg vorbeigegangen. Seine Haare sind grau geworden. Er wirkt abgekämpft, auch ein wenig demütig, aber nicht mutlos. „Die letzten fünf Jahre waren eine Fahrt durch die Hölle“, sagt er im Rückblick. Vor Gericht muss er sich wegen Kreditbetrugs, Bilanzfälschung, Untreue und anderer Vorwürfe verantworten. Bei einer Verurteilung drohen ihm mehrere Jahre Haft. Natürlich mache ihm das Angst, sagt Stolberg. Doch den Prozess sieht er auch als Chance, um endlich abschließen zu können. „Irgendwann kommt ein zweites Leben. Da freue ich mich drauf.“

Lange Zeit schien dem Sohn eines Lotsen und einer Buchhalterin alles zu gelingen, was er anpackte. Er schuf innerhalb von 15 Jahren eine der weltweit größten Schwergutreedereien, machte mit Ideen wie treibstoffsparenden Segeln für Frachtschiffe und sozialen Engagement auf sich aufmerksam. Er galt als Vorzeigeunternehmer, war gern gesehener Gast bei großen Events und saß im Aufsichtsrat von Fußballbundesligist Werder Bremen.

Doch dann brachte die Schifffahrtskrise auch den Beluga-Konzern in Bedrängnis. Stolberg holte sich den US-Investor „Oaktree“ ins Boot und musste später mit ansehen, wie der Hedgefonds seine Reederei, sein Lebenswerk, zerschlug. „Ich habe alles verloren“, sagt er. Sein Unternehmen, seine Ehe, sein Vermögen, seine Immobilien. „Man wird diskreditiert, sozial geächtet.“

Heute lebt Stolberg in einer kleinen Wohnung in Oldenburg. Bis vor kurzem noch in einer „Papa-Tochter-WG“ (wie er es nennt) mit seiner ältesten Tochter, die jetzt aber zum Studieren ins Ausland gegangen ist. Der einstige Millionär führt ein bescheidenes Leben: Zurzeit berät er Unternehmen beim Transport von Schwerlasten und kann dabei von alten Kontakten profitieren. Doch mehr als 3600 Euro darf er im Monat nicht verdienen. Er ging 2011 in Privatinsolvenz.

Ein tiefer Fall – an dem er auch eine Mitschuld trägt, wie Stolberg rückblickend sagt. Zu den Anklagepunkten will er sich vor dem Prozess nicht äußern. Dass er Fehler gemacht hat, bestreitet er aber nicht. „Ich hätte mich nicht mit einer Heuschrecke ins Bett legen sollen“, sagt er. Jahrelang habe immer alles funktioniert, deshalb habe er darauf vertraut, dass auch der Einstieg von „Oaktree“ funktioniere. „Es kann sein, dass mir später das Fingerspitzengefühl abhandengekommen ist. Ich hab‘ nicht mehr das richtige Gefühl zum Risiko gehabt.“

Hat er schlicht die Bodenhaftung verloren? Oder den Überblick über seinen weit verzweigten Konzern? Er wollte auf jeden Fall immer ein besonderer Unternehmer sein; einer, der herausstach – auch mit sozialen Projekten wie einer Schule für Tsunami-Waisen in Thailand.

Er habe viel Gutes getan und auch gerne darüber geredet, sagt der UN-Sonderberater für Sport, Willi Lemke, der als früherer Werder-Aufsichtsratschef und Bremer Bildungssenator Stolberg vor allem als sehr großzügigen Menschen kennenlernte.

In Bremen, wo hanseatische Zurückhaltung großgeschrieben wird, empfanden das manche als unschicklich.

Aus Stolbergs Umkreis heißt es, der 55-Jährige neige dazu, viele Dinge schön zu reden. Vielleicht gehört dies zum notwendigen Optimismus eines Unternehmers. Die Schuldfrage wird im Gerichtssaal geklärt. Und dort ist man, besagt ein Sprichwort, wie auf See in Gottes Hand.

dpa

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