Verschwunden: Fröhlkes Senf- und Essigfabrik im Schnoor

Mitten im Quartier der Seeleute

Das Haus Hinter der Holzpforte 20 im Schnoor – seit 1963 findet sich hier das Lokal „Kleiner Olymp“.
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Das Haus Hinter der Holzpforte 20 im Schnoor – seit 1963 findet sich hier das Lokal „Kleiner Olymp“.

Bremen – Lebensmittel und Spezialitäten aus kleinen Manufakturen sind heute ja groß in Mode. Kurze Lieferwege und eigene Handschriften der Produzenten werden hoch geschätzt. Viele kleine Hersteller, das gab es früher auch schon einmal. Ein Beispiel: Senf und Essig aus einer kleinen Fabrik im Schnoor. Heute gibt es die längst nicht mehr – und so ist sie nun Thema in unserer Serie Verschwunden.

Unsere Geschichte spielt im Haus Hinter der Holzpforte 20. Es ist um 1750 als Wohnhaus für den Aufseher der Bastion auf dem Wall erbaut worden, heißt es in der Denkmaldatenbank des Landeskonservators. Später gehörte das Haus verschiedenen Kaufleuten, Schiffern und Kapitänen, bevor es anno 1874 der Kaufmann Heinrich Wilhelm Fröhlke erwarb. Historische Porträts zeigen ihn mit gepflegtem Vollbart und klarem Blick – Kaufmann durch und durch.

Hier, mitten im traditionellen Altstadtquartier der Fischer und Seeleute, eröffnete Kaufmann Fröhlke vier Jahre später – 1878 – eine Senf- und Essigfabrik. Es war eine Investition von einiger Dauer, sprich: Die zu Kaisers Zeiten gegründete Fabrik hat so manche Zeitenwende überstanden. Den Ersten Weltkrieg und das Ende der Monarchie ebenso wie die Inflationszeit Anfang der 20er Jahre. Bis in die 30er Jahre hinein hielt sich das Unternehmen unter Fröhlkes Namen

Essigproduktion bis in die 50er Jahre

Insgesamt wurde die Essigfabrik noch über den Zweiten Weltkrieg hinaus weitergeführt, bis ins Jahr 1952 hinein. 1953 folgte dann ein kompletter Umbau zum Wohnhaus.

Den Schnoor hatte der Krieg weitgehend verschont. Mehr und mehr Künstler und andere Kreative siedelten sich hier nun an, viele Häuser aber waren in einem beklagenswerten Zustand. Ein Abriss des alten Quartiers wurde diskutiert. Denkmalpflege und „Schnoorianer“ gingen dagegen an. Am Ende setzten die Schnoor-Retter sich durch, 1959 beschloss die Bürgerschaft ein „Schnoor-Statut“, in dem die gestalterischen Regeln für das Viertel festgelegt wurden. Unter der Leitung des Baurats und späteren Denkmalpflegers Karl Dillschneider (1904 bis 1998) wurde der Schnoor saniert. Und zur Touristenattraktion gemacht.

Die Existenzialisten und der „Kleine Olymp“

In diese Zeit fällt auch eine weitere Renovierung des Hauses Hinter der Holzpforte 20. In den Jahren 1962/63 wurde es zu einer Gaststätte mit Galerie umgebaut. Dann eröffnete der „Kleine Olymp“, dessen Name sich an den französischen Kultfilm „Kinder des Olymp“ (1945) anlehnt. Das Lokal gibt es noch heute; seit 1972 liegt es in den Händen der Familie Kolsch. Die Zwiebelsuppe des „Kleinen Olymp“ ist weltberühmt. Über die Jahrzehnte hat sich das Lokal von der existenzialistisch angehauchten Kneipe zum Restaurant mit norddeutsch-bremischer Küche entwickelt.

Essig und Senf werden hier nun nicht mehr produziert, allenfalls noch in der Küche verarbeitet. Produziert hingegen wird ein Bier – seit 1999 gibt es das hauseigene Bier „Schnoor-Bräu“, das in Longneckflaschen bis ins nähere Bremer Umland hinein auch über den Einzelhandel vertrieben wird. Beschrieben wird es als vergleichsweise leichtes Dunkelbier „mit viel Würze und Charakter“. Und mit dem hauseigenen Bier wird en passant auch die Tradition der Lebensmittelproduktion im Haus Hinter der Holzpforte 20 weitergeführt.

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