Die neue Show „La Luna“ im GOP ist ein zauberhaftes Stück Variete-Theater

Mitten ins Herz

Zwei Menschen, ein Reifen und Keulen: Marianna de Sanctis und Florent Lestage.

Bremen - Mit einer neuen Show startet das GOP Variete-Theater in der Überseestadt in die Herbstzeit. „La Luna“wird als poetisches zirzensisches Spektakel angekündigt. Doch wenn man es genauer betrachtet, ist es viel mehr als das.

„Öffnen Sie Ihre Herzen“, appellierte Theaterleiter Philipp Peiniger am Donnerstagabend an das Premierenpublikum. Wer dem Appell folgte, konnte einen zauberhaften Abend verleben, ein Ensemble, das neben spektakulären Darbietungen poetische Momente auf die Bühne brachte. Dazu Live-Musik und so manche Slapstick-Einlage – fertig ist eine ganz besondere Inszenierung.

Die beginnt mit dem von Reinhard Bichsel liebevoll gestalteten Bühnenbild eines kleinen Zirkus. Der hat, wie „La Luna“ (der Mond) zwei Seiten: die sichtbare und die Betrachter abgewandte. Und dort spielt die erste Hälfte der Show; tagsüber, zwischen den Wagen und dem Zelt, in einer Artistenfamilie in der guten alten Zeit. Da wird gestritten, geliebt, gerauft – und mittendrin wird geprobt und so manches Kunststück aufgeführt. Währenddessen sind die Artisten von den anderen Künstlern umrahmt, die die Szenerie nicht nur beleben, sondern in ihr leben. Und mittendrin noch ein quirliger Dackel . . .

Das fahrende Volk steht seit jeher für die Sehnsucht der Menschen nach Freiheit und Abenteuer. Akrobaten, Straßenmusiker, Gaukler; in diese Welt des Außergewöhnlichen, des Wilden und des Andersseins vermag das Publikum bei „La Luna“ (Regie: Sabine Rieck) einzutauchen, das Ensemble vermittelt die Illusion, dass man die Charaktere dort auf der Bühne erst einmal kennenlernen darf.

So den Direktor (Michele Chen) und die naive, drollige gute Seele des Zirkus (Amélie Demay), die später unter dem Mond aus einem anfänglichen Tango eine dynamische und kräftezehrende Partnerakrobatik zaubern.

Der Franzose Florent Lestage ist als Jongleur sowohl auf der Straße als auch auf den großen Bühnen der Show-Metropole Las Vegas aufgetreten. Er wirbelt nicht nur Keulen durch die Luft, sondern jongliert gleichzeitig mit einem Handstock und fängt die Keulen damit auf. Weltweit einzigartig, so heißt es. Einzigartig auch sein Tanz mit Marianna de Sanctis, in dem sie sich verwinden, verweben, den Hula-Hoop-Reifen über die beiden Körper streifend, die Keulen reichend und werfend, etwas lasziv und meistens ganz nah.

Ganz nah, direkt ins geöffnete Herz, geht auch die Darbietung von Anna Ward am Cyr Wheel (diesem Rhönrad mit nur einem Reifen). Mit fließenden Bewegungen bewegt sie sich über die enge Bühne, mal dirigiert die 38-jährige Kanadierin das um sie kreisende Sportgerät nur mit dem Fuß, dann hängt sie mit nur einer Hand in dem rotierenden Reifen – und das alles wie in einer einzigen fließenden Bewegung. Untermalt von der grandiosen Musik von Alexandre Leitao, der das Akkordeon so spielt, wie es anscheinend nur ein Franzose vermag, mit einer melancholischen Poesie – ja, da ist sie wieder –, die nicht nur den bewegt, der nah am Wasser gebaut ist.

Und so endet nach mehr als zwei Stunden ein Abend, der einem warm ums Herz werden lässt, so warm, dass man sogar die kalten Füße von der zugigen Klimaanlage vergisst.

Die Show „La Luna“ läuft bis zum 5. November. Aufführungen sind Mittwoch und Donnerstag (20 Uhr, 33 Euro) Freitag und Sonnabend (18 und 21 Uhr, 37 Euro) und Sonntag (14.30 und 17.30 Uhr, 29 Euro), Kinder, Schüler und Studenten zahlen jeweils 15 Euro.

Von Ralf Sussek

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