Bremer Forscher tüfteln an Dialog von Mensch und Technik

Die mitdenkende Wohnung

Serge Autexier vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) im Labor, das aussieht wie eine (fast) ganz normale Wohnung. - Foto: Strangmann

Bremen - Von Janet Binder. Die Menschen werden immer älter, die Zahl der Pflegebedürftigen steigt. Viele wollen so lange wie möglich in den eigenen vier Wänden bleiben. Erleichtert werden könnte das durch eine intelligente Wohnung, die sich den Bedürfnissen der Bewohner anpasst. Bremer Forscher arbeiten daran.

Geht es nach Wissenschaftlern am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Bremen, könnte der Schrank selbst in Zukunft Vorschläge machen – mit Hilfe eines integrierten Computers. „Der schaut nach der aktuellen Wettervorhersage und kontrolliert, welche Termine beim Bewohner anliegen“, sagt Serge Autexier vom Forschungsbereich „Cyber-Physical Systems“. Anhand dieser Vorgaben könnte der Schrank dem Nutzer eine Kombination empfehlen.

Noch gibt es den mitdenkenden Kleiderschrank nicht zu kaufen. Programmiert haben die Forscher schon eine andere Funktion. Der Informatiker Autexier demonstriert sie an einem Prototyp: An einem Bildschirm klickt er eine blaue Krawatte an. Daraufhin leuchtet eine Lampe in dem Fach im Kleiderschrank auf, wo der Schlips liegt. So kann der Bewohner ihn herausnehmen, ohne groß zu überlegen, wo er sich befindet. Möglich ist das, weil alle Kleidungsstücke mit einem Funk-Etikett ausgestattet und im Computer gespeichert sind.

Hilfreich könnte solch ein Service auch für Menschen mit Demenz sein, sagt Serge Autexier. „Sie sind oft nicht mehr in der Lage, sich der Jahreszeit entsprechend anzuziehen.“ Der Kleiderschrank-Prototyp befindet sich in einem 60 Quadratmeter großem Labor, das aussieht wie eine (fast) normale Wohnung: Im Schlafzimmer steht ein Doppelbett, es gibt ein Bad, ein Wohnzimmer und eine Küchenzeile.

Im „Bremen Ambient Assisted Living Lab“, kurz „Baall“ genannt, können DFKI-Informatiker und Ingenieure zusammen mit Wissenschaftlern und Studenten der Uni Bremen seit 2009 neue, intelligente Technologien in einer realitätsnahen Umgebung testen. Der 45-jährige Autexier ist Leiter des Labors. Schlaue Häuser, sogenannte „Smart Homes“, haben seit einiger Zeit Hochkonjunktur. Licht, Heizung oder Rauchmelder kommunizieren untereinander und sind mit dem Mobiltelefon oder dem eigenen Rechner verbunden. Die DFKI-Forscher wollen noch einen Schritt weitergehen: Die Bewohner sollen keine Kommandos wie in einem „Smart Home“ geben. Das System soll von sich aus wissen, was zu tun ist.

Um das zu demonstrieren, geht Serge Autexier ins Bad der Laborwohnung und stellt sich vor das Waschbecken. Im Spiegel ist eine Kamera versteckt, die die Größe des Gegenübers erfasst. Automatisch fährt das Becken nun auf die Höhe, die für den Nutzer bequem ist. Profitieren könnten von einer solchen Funktion Rollstuhlfahrer und Nicht-Behinderte, die zusammen in einem Haushalt leben.

Ein anderes Beispiel: Am Nachtschrank im Schlafzimmer ist eine kleine Wärmebildkamera angebracht. Liegt eine Person nach einem Sturz auf dem Boden, erkennt die Kamera das und setzt ein Alarmsystem in Gang, wenn auf Nachfrage keine Antwort kommt. Genau das ist es, was sich die Forscher vorstellen: dass der Mensch mit der Technik im Dialog steht, sowohl mit Sprache als auch mit Gesten. „Die Technik muss funktionieren, ohne dass der Nutzer sein Verhalten ändert“, betont der Laborleiter.

So stellt er sich das auch vor, wenn ein Bewohner eine neue Stehlampe kauft. Dann soll es möglich sein, dass nicht extra ein Techniker vorbeikommen muss, um sie in das bestehende Lichtsystem der Wohnung zu integrieren. Ziel der Forscher ist es, dass der Bewohner dem Computer einfach nur sagt: Hier ist die neue Lampe. Die erhält dann einen Namen „und in dem Moment ist sie dem System automatisch bekannt“, sagt der Informatiker.

Die Technik in der „Baall“-Wohnung macht auch vor dem Essen nicht Halt. Im Kühlschrank ist eine Kamera eingebaut. So weiß das Gerät, welche Lebensmittel vorhanden sind – und liefert passende Rezeptvorschläge. Noch ist das eine Vision. Schon einsatzbereit ist dagegen ein intelligenter Rollstuhl, der im Weg stehende Stuhlbeine erkennt und diese Hindernisse automatisch umfährt.

Die „Baall“-Wohnung erfüllt viele Funktionen: Zum einen könnten eines Tages Menschen von den erforschten und erprobten Innovationen profitieren. Es dient aber auch als wissenschaftliches Spielfeld für Informatik-Studenten in Kooperation mit anderen Fachdisziplinen.

Die Visionen stoßen auf viel Interesse, nicht nur in der Industrie, sondern auch bei Verbrauchern. So bekam Autexier einmal einen Anruf von einem Rechtsanwalt, der den intelligenten Kleiderschrank haben wollte. Doch bis es einen solchen Schrank zu kaufen gibt, haben die Forscher noch viel zu tun.

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