Bremen: Prekäre Lage für Veranstaltungsbranche

Mit dem Rücken zur Wand

Auf der Empore des Metropol-Theaters: Geschäftsführer Jörn Meyer. Er wünscht sich einen differenzierteren Blick auf Veranstaltungen. Mit lediglich 100 Besuchern sei die Mehrzahl der Termine in seinem Haus nicht durchführbar. Platz hat das Theater für 1 400 Zuschauer.
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Auf der Empore des Metropol-Theaters: Geschäftsführer Jörn Meyer. Er wünscht sich einen differenzierteren Blick auf Veranstaltungen. Mit lediglich 100 Besuchern sei die Mehrzahl der Termine in seinem Haus nicht durchführbar. Platz hat das Theater für 1 400 Zuschauer.

Bremen – „Ohne uns ist’s still“ steht auf Plakaten mit Porträtfotos von Menschen aus der Bremer Veranstaltungsbranche. Die Aktion „Kulturgesichter 0421“ scheint einen gewissen Erfolg zu haben. Die Bürgerschaft hat einen Dringlichkeitsantrag der rot-grün-roten Koalition zu Hilfen für die Branche verabschiedet. So sollen Veranstaltungen mit Präsenz- und Online-Publikum ermöglicht werden.

Auch Oliver Mücke von Koopmann Concerts ist unter den etwa 120 Gesichtern auf etwa 2 500 Plakaten, die bei „Kulturgesichter 0421“ zu sehen sind. „Wir wollen zeigen: Es stehen Menschen hinter diesen Veranstaltungen“, sagt er. Die ernsten Gesichter entsprächen der Gesamtlage. „Die Leute stehen mit dem Rücken zur Wand“, sagt Mücke.

Prekäre Lage für Bremer Veranstaltungsbranche: Hoffen auf „Club 100“

Ähnlich sieht es auch die Politik. Der verabschiedete Antrag sieht die Branche vor einer tiefen Transformation, da Experten eine Auswirkung der Pandemie auf das Kundenverhalten erwarteten. Neben Bundesmitteln seien bremische Programme notwendig. Eine besondere Rolle kommt dem Projekt „Club 100“ zu, das Veranstaltungswirtschaft, Verwaltung und Politik gemeinsam erarbeiten und das finanziell unterstützt werden soll. Im Pier 2 sollen alle Bremer Clubs und Konzertveranstalter ihre Termine in neuer Form durchführen können. Neben einem Präsenzpublikum, also echte Menschen vor Ort, soll es Tickets für die Nutzung eines Übertragungsstreams geben. Zudem sind unter anderem eine ressortübergreifende Koordinierungsstelle und ein Runder Tisch geplant. Ab Frühjahr soll es Veranstaltungsorte im Freien geben.

Prekäre Lage für Bremer Veranstaltungsbranche: Echte Zuschauer und Streaming

Oliver Brock, Geschäftsführer des Pier 2 in Gröpelingen, begrüßt die Entscheidung. Das Projekt „Club 100“ könne in den nächsten sechs bis sieben Monaten die laufenden Kosten wieder reinholen, sagt er. Angedacht seien 280 Karten für Besucher, aktuell aufgrund der Überschreitung des zulässigen Sieben-Tage-Grenzwerts von 50 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner allerdings nur 100 (ohne den Verkauf von Alkohol). Der Eintritt soll sich an den üblichen Preisen orientieren. Dann würde es bei 15 bis 20 Euro losgehen. Streaming-Tickets gebe es ab acht bis zehn Euro. Angedacht sei es, mit sechs bis acht Kameras zu arbeiten, Blicke hinter die Kulissen zu erlauben und die Online-Zuschauer Fragen und Statements posten zu lasten. Zur Not wären auch reine Streaming-Konzerte möglich. „Wir hoffen auf größere Stars“, sagt Brock. Ein bis zwei habe er bereits in Aussicht. Für sieben Monate seien allerdings Zuschüsse von 800 000 Euro nötig.

Prekäre Lage für Bremer Veranstaltungsbranche: Metropol-Theater macht weiter

Derweil versucht das Metropol-Theater, den Betrieb auch nach den jüngsten Verschärfungen aufrechtzuhalten. Geschäftsführer Jörn Meyer sagt: „Wir versuchen, jede Veranstaltung stattfinden zu lassen, auch wenn es wirtschaftlich unvernünftig ist.“ Bei den anstehenden Terminen gebe es dann eben zwei statt einer Aufführung. Er müsse den Verkauf für zeitnahe Events jedoch auf 100 Karten begrenzen (statt mehr als 200 – Platz ist im Haus eigentlich für rund 1 400 Besucher). Sollte es langfristig bei einer Begrenzung auf 100 Zuschauer bleiben, sei die Mehrzahl der Veranstaltungen nicht durchführbar, so der Theater-Chef.

Meyer ist verärgert, dass Veranstaltungen vom Gesetzgeber nicht differenzierter betrachtet werden. Es mache etwa einen Unterschied, ob bei einem Event klar sei, wo die Personen säßen, oder ob alles ungeordnet sei. Er rechnet generell mit großen Einschränkungen bis mindestens September nächsten Jahres. „Für uns gibt es keine Perspektive, solange alles über einen Kamm geschoren wird“, moniert Meyer.

Prekäre Lage für Bremer Veranstaltungsbranche: „Differenzierung fehlt“

Die fehlende Differenzierung beklagt auch Christopher Kotoucek, Geschäftsführer des „Fritz“-Theaters. Durch die neuen Einschränkungen und die Einstufung Bremens als Risikogebiet seien die aktuellen Neubuchungen fast auf Null zurückgegangen. „Zu einem großen Teil haben wir sogar Stornoanfragen, oder die Gäste kommen nicht“, sagt Kotoucek. Das „Fritz“ als Restaurantbetrieb mit anschließender Theateraufführung darf aktuell maximal 89 Besucher zulassen. Es dürfe auch Alkohol ausgeschenkt werden. „Aktuell haben wir dazu eine gültige Zusage des Gesundheitsamtes“, so Kotoucek. Eine lückenlose Nachverfolgung sei möglich.

Auch das GOP-Varieté in der Überseestadt darf unter Einhaltung des bestehenden Sicherheits- und Hygienekonzeptes den eingeschränkten Regelbetrieb wie bisher fortsetzen, freut sich Direktor Philipp Peiniger über ein Schreiben des Gesundheitsamtes. Als Gastronomiebetrieb mit Tischen (Abstand 1,50 Meter) und Bewirtung seien weiterhein maximal 244 Besucher erlaubt. Die Gastronomie dürfe ohne Einschränkungen der Getränkekarte angeboten werden, sagt Peiniger.

Das Bündnis „Alarmstufe Rot“ plant derweil auf Bundesebene eine Demonstration am 28. Oktober in Berlin, heißt es in einer Mitteilung der Agentur Joke Event. Das Bundesfinanzministerium habe ein Hilfsprogramm in Aussicht gestellt.

Von Martin Kowalewski

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