Milliardengeschäft als Ersatzreligion: „Fußball. Halleluja!“ im Focke-Museum

Wunder, Rituale, Heilige

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Blick in die Ausstellung „Fußball. Halleluja!“ im Focke-Museum.

Bremen - Von Thomas Kuzaj. „Mein Mann war gestern beim Chinesen. Drei Tische weiter saß Tim Wiese.“ Dass Dr. Frauke von der Haar, Direktorin des Focke-Museums (Schwachhausen), das für erwähnenswert hält, hat natürlich etwas mit der neuen Ausstellung ihres Hauses zu tun. Aber sonst hätte sie es womöglich auch erwähnt – was das Allgegenwärtige des Themas nur unterstreicht. Die Ausstellung „Fußball. Halleluja!“ untersucht Parallelen und Wechselwirkungen von Fußball und Religion.

Das Stadion als Wallfahrtsort, das Tor als Erlösung. Die Rituale der Spieler, die Rituale der Fans und – neuerdings – Ultras. Fußball wird als sinnstiftendes Gemeinschaftserlebnis empfunden (und vermarktet). Fans zelebrieren ihre Unterstützung (und ihre Wut und Enttäuschung). Spieler kopieren klerikale Gesten. Es ist viel Emotion im Spiel, und dass es am Ende gut ausgeht, daran muss man oft einfach glauben.

Glaube, Liebe, Hoffnung – Fußball ist längst zu einer Ersatzreligion geworden und muss sogar zur Wertevermittlung herhalten. So heißt es, dass Kinder Teamgeist im Verein lernen. Werte hin oder her – es fällt auf, dass das Milliardengeschäft Fußball so viele Verhaltens-, Verehrungs- und Verklärungsmuster aus der religiösen Welt entliehen hat. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass viele Menschen den Fußball so ernst nehmen – selbst, wenn sie sonst mit Kirche nichts am Hut haben. Millionenschwere Stars werden wie Heilige angebetet. Die Heiligenbilder dazu liefern das Fernsehen und Panini.

All diese Wechselwirkungen und Doppelpässe, all die wechselseitigen Instrumentalisierungen sind vielfach beschrieben worden. Die Ausstellung im Focke-Museum fügt dem nichts Neues hinzu, aber sie fächert das Thema noch einmal breit auf.

Es ist eine Ausstellung für Fans, das Museum wird gleichsam zum Objekt seines Themas. Eine solche Fülle an Devotionalien! Fußballschuhe besonderer Spieler, Trikots, die in besonderen Begegnungen getragen wurden, Eintrittskarten von Spielen, die in die (Fußball-)Geschichte eingingen. Etwa als „Wunder von der Weser“. Und Wunder, die gibt es ja bekanntlich nur in der Bibel. Ausnahmen: Bern 1954 und der eine oder andere Europapokalabend dort, wo die Weser einen großen Bogen macht.

Die interaktiv inszenierte Schau, die das Focke-Museum (Kurator hier: Jan Christoph Greim) gemeinsam mit dem Amsterdam-Museum und dem Historischen Museum Basel konzipiert hat, vereint auf 450 Quadratmetern mehr als 300 Exponate, Filme und Fotos. Hinzu kommt der besonders für Kinder und Jugendliche gedachte Fußball-Parcours „Focke kickt“ – eine kleine Indoor-Arena.

Carmine Alcide, Cafébesitzer in Neapel, baute in den 80er Jahren vor seinem Lokal einen Altar zu Ehren von Diego Maradona auf. Für die Ausstellung fertigte er eine Reproduktion an.

Und sonst? Der Kelch aus der Kirche wird mit dem Pokal im Fußball verglichen – aus beiden Gefäßen wird (ritualisiert) getrunken. Reliquien wie das 74er-Weltmeister-Trikot von Franz Beckenbauer sind zu sehen. In den Bereich des Aberglaubens reichen Exponate wie die Voodoo-Puppen, die das Nationalteam von Togo 2006 zur WM nach Deutschland mitbrachte.

Aufgeteilt ist die Ausstellung in elf Kabinen – Verzeihung: Stationen, die sich einzelnen Schwerpunkten widmen. Eine Station beschäftigt sich mit der deutschen Nationalmannschaft. Gleich drei haben Werder zum Thema. Stichworte: „Wunder von der Weser“, Nordderby, „Lebenslang grün-weiß“. Eigentlich fehlt nur der Tisch des Chinesen, an dem Werders früherer Torwart (und Derby-Held) Tim Wiese gesessen hat.

Das Focke-Museum zeigt „Fußball. Halleluja!“ ab morgen, Sonnabend. Die Ausstellung dauert bis zum 28. März 2016. Eintritt: Erwachsene acht Euro, ermäßigt sechs Euro, Kinder vier Euro, Familien 18 Euro. Weitere Ausstellungsorte nach Bremen sind Lyon, Luxemburg und Barcelona. Zur WM 2018 wird die Ausstellung in Moskau zu sehen sein.

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