Michelle Kreutzmann ist Bremens einziger weiblicher Schornsteinfeger-Azubi

Glücksfee auf dem Dach

Michelle Kreutschmann fegt auf dem Flachdach eines Schulzentrums in Bremen einen modernen Kamin. Sie ist die einzige Schornsteinfeger-Auszubildende im Land Bremen.
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Michelle Kreutschmann fegt auf dem Flachdach eines Schulzentrums in Bremen einen modernen Kamin. Sie ist die einzige Schornsteinfeger-Auszubildende im Land Bremen.

Bremen - Von Dieter Sell. Mal will ihr jemand über die Schulter spucken, mal an einem goldfarbenen Knopf ihrer schwarzen Tracht drehen: Für viele Menschen ist Michelle Kreutschmann das Glück in Person. Denn die 20-Jährige lernt Schornsteinfegerin. Im Land Bremen ist sie die einzige weibliche Auszubildende. „Ich dachte mir: Wie cool ist das denn, und habe mich einfach beworben“, erzählt sie. Ihr Job hat sie zur Glücksfee auf dem Dach macht.

Wem ein Schornsteinfeger begegnet, dem winkt das Glück: So lautet der Volksglaube, der bis ins 16. Jahrhundert zurückreicht. Er beruht wohl darauf, dass Schornsteinfeger Brände verhinderten, wenn sie die häuslichen Feuerstellen vom Ruß befreiten. In dieser Tradition steht Michelle Kreutschmann bis heute. „Aber der Schornsteinfeger misst auch Abgaswerte und berät in feuerungstechnischen Fragen“, sagt die junge Frau, die im dritten Lehrjahr steht.

Glücksbringer haben zum Jahreswechsel Konjunktur. Kleeblätter, Kaminkehrer und rosa Marzipanschweine sollen den Start ins neue Jahr erleichtern. Alles Humbug? Wissenschaftler der Universität Köln haben in einer Studie herausgefunden: Wer an Glücksbringer und Talismane glaubt, dem helfen sie tatsächlich. „Sie stärken in erster Linie die Zuversicht in die eigene Leistung, aber auch die Überzeugung, dass schon alles gutgehen wird“, sagt die Sozialpsychologin Lysann Damisch.

Forscher sprechen dabei von einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Wer glaubt, dass der Glücksbringer tatsächlich wirkt, fühlt sich auch sicherer. Und erzielt möglicherweise bei einer Prüfung oder im Sport bessere Ergebnisse als derjenige, der keinen Talisman dabei hat.

Das Krankenhaus, eine Geburt, der Jahreswechsel, das seien typische Schwellensituationen, sagt Michael Utsch von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Berlin. „Da sind Rituale und rituelle Vergewisserungen wie das Bleigießen hilfreich, wenn sie nicht magisch überhöht werden.“ Das Vertrauen in Glücksbringer verweist seiner Meinung nach auf eine „unsichtbare Wirklichkeit“, die den Menschen Rätsel aufgebe: „Die wesentlichen Fragen im Leben sind eben nicht technischer Natur, da helfen weder Tablet noch PC.“ Zeichenhafte Handlungen und Glücksbringer gibt es in allen Kulturen, sagt die Bremer Volkskundlerin Renate Noda und erinnert an reichhaltige Traditionen besonders im asiatischen Raum. Sie sollen dort Schutz bieten vor Teufeln, Dämonen, Hexen, bestialischen Tiergestalten und gefährlichen Pflanzen wie Alraune und Hexenfurz. Und natürlich Kraft geben, um die Herausforderungen eines neuen Jahres glücklich zu bestehen. „Das ist ein internationales Phänomen und wurzelt in einer Zeit, in der die Menschen kaum beeinflussen konnten, was um sie herum passierte“, sagt die Wissenschaftlerin, die im Bremer Übersee-Museum arbeitet.

Die Traditionen sind geblieben. Manchmal sind es auch ein Hufeisen, ein grimmiger Dachreiter mit langen Reißzähnen oder die Böller in der Silvesternacht, die das Böse von Haus und Hof bannen

sollen.

Der Bremer Glücksforscher Jan Delhey verortet das Glück konkreter und beschreibt ein „Dreieck des Wohlbefindens“. Haben, Lieben, Sein - das sind für ihn die Säulen, auf denen das Glück im Alltag ruht. „Das Haben sind die materiellen Lebensbedingungen, das Lieben meint Partnerschaft und soziale Beziehungen, das Sein umschreibt das, was wir mit unserem Leben anfangen, wie aktiv wir sind, welche Ziele wir haben.“ Aber da könnte schon wieder der Glücksbringer ins Spiel kommen. Denn für Menschen wie Sabrina de Vuono ist ihr Engel wichtig, um aktiv das Ungewisse zu meistern.

epd

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