Interview mit künftigem Bremer Bürgermeister

Den Menschen zuhören: Andreas Bovenschulte will in die Stadtteile gehen

Der künftige Bremer Bürgermeister Andreas Bovenschulte will den Menschen zuhören und ihre Meinung ernst nehmen. Foto: KOLLER
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Der künftige Bremer Bürgermeister Andreas Bovenschulte will den Menschen zuhören und ihre Meinung ernst nehmen. 

Er hat eine Blitzkarriere hingelegt: Andreas Bovenschulte wird aller Voraussicht nach am 15. August zum neuen Regierungschef in Bremen gewählt. Am 24. Juni wurde der bisherige Bürgermeister der Nachbargemeinde Weyhe zum Bremer SPD-Fraktionschef gewählt.

Bremen - Anfang Juli nominierte ihn der Parteitag zum Bürgermeister-Kandidaten – als Nachfolger von Carsten Sieling, der letztlich doch noch Konsequenzen aus der historischen Wahlniederlage der SPD zog. Der 53-jährige Jurist Bovenschulte will im Bundesland Bremen das fortsetzen, was ihm bei den Weyhern große Beliebtheit eingebracht hat: Er will den Menschen zuhören, mit ihnen vor Ort diskutieren.

Sie gelten in der SPD als Linker. Wie sehen Sie sich selbst?

Ich stehe für klare sozialdemokratische Werte und Überzeugungen und damit mit beiden Beinen in der Mitte meiner Partei. Auch das rot-grün-rote Bündnis in Bremen verorte ich im Zentrum und nicht am Rand der Gesellschaft.

Sie waren fast fünf Jahre lang Bürgermeister in der niedersächsischen Nachbargemeinde Weyhe und werden parteiübergreifend für Ihre Arbeit gelobt. Man hätte Sie gern dort gehalten. Warum ziehen Sie das verschuldete Bremen mit seinen vielen Problemen der starken Gemeinde Weyhe vor?

Zunächst einmal: Die Arbeit in Weyhe hat mir viel Spaß gemacht. Die Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen im Rathaus und mit den Fraktionen im Gemeinderat war sehr gut und den Austausch mit den Bürgerinnen und Bürgern habe ich immer als sehr bereichernd empfunden. Als Carsten Sieling (Noch-Bürgermeister, d. Red.) vor gut einem Jahr angefragt hat, ob ich mir vorstellen kann, für die Bürgerschaft anzutreten, habe ich nach reiflicher Überlegung zugesagt, um meine Partei in schwierigen Zeiten zu unterstützen. Und natürlich hat auch der Gedanke eine Rolle gespielt, mit Mitte 50 nochmal eine ganz neue Herausforderung anzupacken. Wie ich es auch drehe oder wende – der Termin dieser oder der nächsten Bürgerschaftswahl wäre nie zeitgleich mit dem regulären Ende einer Amtszeit in Weyhe gewesen.

Sie haben angekündigt, die Zusammenarbeit mit dem Umland auszubauen – wie andere Bürgermeister und Senatoren vor Ihnen. Was konkret schwebt Ihnen vor?

Ich möchte die Zusammenarbeit auf Augenhöhe mit den Nachbargemeinden fortführen. Die hat sich zunehmend entwickelt, auch wenn es durchaus mal Interessenskonflikte gibt. Ich möchte Gemeinsames noch mehr in den Vordergrund rücken. Konkret: Wir müssen im Rahmen einer regionalen Wohnungsmarktstrategie gemeinsam mehr bezahlbaren Wohnraum schaffen, Lösungen für mehr Radverkehr finden, den Öffentlichen Nahverkehr ausbauen. Ein regionales Radverkehrskonzept ist bereits in Arbeit. Auch eine gute Krankenhausversorgung für Bremen und die Nachbargemeinden ist ein wichtiges Thema.

Apropos Umland: Was sagen Sie Pendlern, die befürchten, bei einer autofreien Innenstadt nicht mehr mit dem Auto zu ihrem Arbeitsplatz zu kommen, sich aber nicht in Busse und Bahnen zwängen wollen – oder gar nicht können, weil die Anschlüsse fehlen? In Sulingen gibt es nicht mal eine Bahn...

Wir wollen die Bremer City attraktiver und nicht unattraktiver machen. Eine autofreie Innenstadt muss daher begleitet werden durch Verbesserungen bei Rad, Bus und Bahn. Es braucht mehr Park-and-Ride-Plätze und einen attraktiveren ÖPNV. Ganz wichtig: Die Autofreiheit soll schrittweise und in enger Abstimmung mit allen Betroffenen umgesetzt werden. Das erlaubt es, bei jedem Schritt praktische Erfahrungen zu sammeln und wo nötig nachzusteuern. So soll die Martinistraße zunächst auf eine Spur in jede Richtung zurückgebaut werden, sie bleibt also zum Parkhaus an der Langenstraße befahrbar.

Wie wollen Sie die bürgerliche Klientel mitnehmen, die die SPD nicht gewählt hat?

Es geht ganz stark darum, den Menschen zuzuhören und sich mit unterschiedlichen Meinungen konstruktiv auseinanderzusetzen. Rot-Grün-Rot hat zwar die Mehrheit im Parlament, aber wir brauchen auch eine gesellschaftliche Mehrheit, die hinter uns steht. Wir müssen in die Orts- und Stadtteile gehen, uns den Diskussionen stellen, ein offenes Ohr für die Menschen haben und sie ernst nehmen, auch dann, wenn wir nach der Diskussion unterschiedlicher Meinung bleiben.

Was wollen Sie in Sachen Wohnungsbau für die Mittelschicht, für Gutverdiener tun, die ein Reihen-, Doppel- oder Einfamilienhaus mit Grundstück suchen und deren Steuern Sie ja dringend brauchen?

Wir müssen einen Mix unterschiedlicher Wohnformen zur Verfügung stellen, um die Nachfrage zu decken. Die Ablehnung der Rennbahnbebauung war ein schwerer Schlag, denn da sollten neben sozialem Wohnungsbau auch die von Ihnen genannten Haustypen entstehen. Wir müssen da jetzt neu schauen. Das wird keine leichte Aufgabe. Potenzial sehe ich beispielsweise im Tabakquartier in Woltmershausen. Insgesamt brauchen wir eine gemeinsame regionale Wohnungsstrategie, um zu einer ausgewogenen Entwicklung in und um Bremen zu kommen – überall müssen sowohl Sozialwohnungen und Mehrfamilienhäuser als auch Reihen-, Doppel- und Einfamilienhäuser gebaut werden.

Die Sozialwohnungsquote soll von 25 Prozent auf 30 Prozent steigen, die Handelskammer ist strikt dagegen. Was sagen Sie Kritikern, die befürchten, dass sich die beabsichtigte Durchmischung möglicherweise ins Gegenteil verkehrt, die Mittelschicht sich andernorts Wohnraum sucht?

Sozialwohnungen, also öffentlich geförderte Wohnungen mit Mietpreisbindung, stehen ja nicht nur Menschen, die Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhalts beziehen, zur Verfügung, sondern – aufgrund der relativ hohen Einkommensgrenzen – auch ganz vielen Durchschnittsverdienern, insbesondere, wenn sie alleinerziehend sind. Wir brauchen deutlich mehr solcher Wohnungen, um das Problem der steigenden Mieten in den Griff zu bekommen.

Noch-Bürgermeister Carsten Sieling hat die Bürger in Schwachhausen und Oberneuland vor der Wahl vor den Kopf gestoßen, indem er sie als „Problemstadtteile“ bezeichnet hat. Was sind für Sie in Bremen die Problemstadtteile?

Jeder Stadtteil hat eigene Stärken und Schwächen. Richtig ist: In einigen Stadtteilen gibt es deutlich größere soziale Probleme als in anderen. Darum wird die künftige Koalition diese Stadtteile, vor allem auch die Schulen und Kitas dort, finanziell besonders unterstützen. In Schwachhausen und Oberneuland werde ich für diese bewusste Ungleichbehandlung um Verständnis werben. Und ich werde natürlich auch dort die Bürger mit ihren Ansprüchen und Bedürfnissen ernst nehmen, beispielsweise nach einem sicheren Wohnumfeld.

Manch ein Bremer meint, die SPD habe sich in der rot-grünen Koalition von der Umweltpartei vorführen lassen. Wo findet sich Wahlverlierer SPD in dem neuen Linksbündnis wieder?

Was wir im 140 Seiten starken Koalitionsvertrag erarbeitet haben, sind gemeinsame Projekte, die sich nicht fein säuberlich als sozialdemokratische, grüne oder linke Vorhaben einsortieren lassen. Es ist Konsens, dass wir die Bildung stärken, Schulen sanieren und mehr Lehrkräfte einstellen wollen. Ebenso wollen wir alle den sozialen Wohnungsbau fördern. Und deutlich mehr als bisher fürs Klima tun – nicht, um den Grünen einen Gefallen zu tun, sondern weil es wichtig und richtig ist.

Zur Person 

Andreas Bovenschulte wurde am 11. August 1965 in Hildesheim geboren. Er ist verheiratet, hat zwei Töchter und wollte als Kind Rockstar werden. Gitarre spielt er immer noch. Bovenschulte ist Jurist, promovierte 1998, arbeitete unter anderem im Bremer Justizressort, bis er 2007 Vize-Verwaltungschef in Weyhe und 2014 dort Bürgermeister wurde. 1984 trat er in die SPD ein. Von 2010 bis 2013 war er SPD-Chef in Bremen.

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