Der Mensch außer Kontrolle

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Das Ensemble "les ballets C de la B" aus Belgien probt  im Goethe Theater in Bremen das Stück "Out of Context-for Pina"

Bremen - Menschen röhren in Mikrophone, reiben wie Kühe die Köpfe aneinander, spreizen Finger und Zehen, wippen spastisch vor und zurück und verlieren das Gleichgewicht.

Die Tanzproduktion „Out of Context - for Pina“ des belgischen Choreografen Alain Platel verdichtet Tics, Spasmen und Grimassen, wie man sie von Menschen mit Behinderung kennt. Es ist eine Hommage an das, was anders ist.  Mit dieser deutschen Erstaufführung hat am Freitag das Festival „Tanz Bremen“ begonnen. Im Theater am Goetheplatz in Bremen feierte das Publikum diese ungewöhnliche Entdeckungsreise in eine Welt zwischen Heilanstalt, Disko und Zoo mit langem Applaus.

Platel, 1956 in Gent geboren, nähert sich den Grenzbereichen zwischen gesund und krank, schön und hässlich ohne jegliche Berührungsängste. Vor seiner Theaterkarriere hatte er fünf Jahre lang als Heilpädagoge schwerbehinderte Kinder betreut. Was er dort gesehen und gefühlt hat, haben jetzt im Stück zwei Frauen und sechs Männer in verstörende Ästhetik übersetzt. Fast nackt spulen sie ununterbrochen bizarre Bewegungsabläufe ab, die aus dem Zusammenhang gerissen scheinen: „Out of Context“, so auch der Titel - provokant, spielerisch, humorvoll, ohne dabei irgend jemanden lächerlich zu machen.

Für das Publikum wurde der Tanzabend, den Platel der verstorbenen Choreografin Pina Bausch gewidmet hat, zu einer beklemmenden Geduldsprobe. Nur im Mittelteil des 90-minütigen Tanzabends gönnt der Choreograf den Zuschauern einen Moment der Erlösung. Erst dann ein erstes Lächeln auf der Bühne. Zu Popsongs wie Madonnas „Time goes on so slowly“ geraten die Tänzer in Diskolaune. Plötzlich wirkt alles schön. Das Publikum lacht über irrwitzige Bodybuilder-Posen und ironische Annäherungsversuche. Doch dann kippt die Stimmung erneut. Zu Urwaldgeräuschen werden Menschen zu Löwe und Affe, die Witterung aufnehmen und überreagieren.

Platels Tanz-Experiment wirkt so eindringlich, weil es keine Ablenkung zulässt. Hatte der Choreograf früher mit opulenten Bühnenbildern und großer Musik etwa von Johann Sebastian Bach gearbeitet, konzentriert er sich hier ganz auf seine Tänzer.

Die Bühne ist leer - bis auf zwei verkabelte Mikrophone, mit denen verstörende Geräusche erzeugt werden. Und es gibt scharlachrote Wolldecken. In die werden die Tänzer eingehüllt, wenn Spasmen und nervöse Zuckungen überhandnehmen - eine choreografische Idee, die an die dämpfende Wirkung von Beruhigungsmitteln erinnert.

Bis zum 17. April zeigt „Tanz Bremen“ Produktionen aus zehn Ländern, darunter Island und Brasilien. Bei dem alle zwei Jahre in der Hansestadt ausgetragenen Festival geht es diesmal um Vielfalt, Verletzlichkeit und Veränderung des Körpers. Die Britin Claire Cunningham tanzt auf Krücken. Multitalent Sanja Ristic interpretiert die radikale Gefühlswelt einer Selbstmordattentäterin kurz vor der Tat. Und die Island Dance Company lotet auf ironische Weise die Grenzen des alternden Körpers aus.

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