„Mein Kunst-Stück“ mit Tilman Rothermel: „Mare Nostrum“

Gefühl mit Aussage

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Ein Wellenberg steht für Gefahr und Hoffnung in Tilman Rothermels „Mare nostrum“.

Bremen - Von Ilka Langkowski. „Mare nostrum“ heißt Tilman Rothermels Bild, das er in unserer Serie „Mein Kunst-Stück“ vorstellt. Das Bild aus der Serie „Landschaften“ erschließt sich dem Betrachter nicht komplett auf den ersten Blick. Erst sein Titel verleiht dem abstrakt dargestellten Gefühl eine konkrete Aussage mit aktuellem Bezug.

„Mare nostrum“ steht für übers Mittelmeer ziehende Flüchtlinge, für Schlepperbanden und Ertrinkende. Es ist eine der neuesten Arbeiten von Tilman Rothermel. „Da es so neu ist, ist auch mein persönliches Interesse an diesem Bild am größten“, sagt der Maler. Damit stehe es eigentlich diametral zu einem „Lieblingsbild“, das zwar abgeschlossen, aber für den Künstler nicht mehr so reizvoll ist.

In „Mare nostrum“ hat Rothermel einen gesellschaftspolitischen Bezug hergestellt, ohne diesen gegenständlich abzubilden. „Mare nostrum“ wirke wuchtig, dynamisch und ein bisschen bedrohlich, sagt sein Erschaffer: Der gewölbte Horizont und die geschichtete schwarze Fläche erscheinen bei einem gedachten Blick aus der Ferne wie ein Berg oder ein Hindernis. Der versperrt Weg wecke gleichzeitig die Hoffnung auf das Dahinterliegende. Denkt sich der Betrachter ganz nah am unruhigen Schwarz, sieht er einen Wellenberg, der sich direkt vor ihm auftürmt.

„Die Spannung ergibt sich aus dem Wechsel von Nähe und Distanz, aber auch aus dem Wechsel zwischen Titel und Bild“, sagt der gebürtige Stuttgarter. Das Meer sei unruhig, bewegt und unberechenbar. Rote Punkte und Einfärbungen verheißen nichts Gutes. Dinge, „die unter die Haut gehen“, würden aber nicht figürlich dargestellt. Die Grundaussage liege in der Spannung von Nähe zu Distanz, von Bedrohlichkeit zu Verwundbarkeit. So könnte das Bild auch in einem anderen Kontext das dargestellte Gefühl von Brutalität transportieren. Für seine Mischtechnik verwendete der Wahlbremer Gouache, Acryllack, Graphit und Pastell.

Über seinen Weg zur Kunst scherzt Rothermel: „Als Jüngster in meiner Familie hatte ich ja nichts zu sagen. Da habe ich halt eine Sprachform gewählt, die mir keiner nehmen kann.“ Tatsächlich habe er aber schon mit 14 Jahren gewusst, dass er Künstler werden will. Das Künstlerleben gebe einem mit gesellschaftlicher Erlaubnis die Freiheit, das zu machen, was man möchte. Der Nachteil sei allerdings, dass man beizeiten nicht ernstgenommen und zum Hofnarren werde. Was den Kunstmarkt anbelangt, müsse man achtgeben, dass die eigene Kreativität nicht ausgenutzt werde. Mit Trends sollte man sich dennoch befassen, wolle man sich auf dem Markt behaupten. Rothermel hatte durch Dozentenstellen von Beginn an das Glück der Unabhängigkeit: Geld zum Leben und Zeit zum Malen.

Die Kunst hat für Rothermel eine wichtige gesellschaftliche Bedeutung. Künstler dürften, ähnlich wie Wissenschaftler, eigene Vorstellungen von der Welt oder der Psyche formulieren, ohne sich an Konventionen halten zu müssen. Über ihre Arbeiten bekomme auch der Betrachter die Chance, sich aus den gewohnten Gedankenwegen heraus zu begeben und neu zu orientieren.

Künstler, die Rothermel entscheidend prägten, sind Max Beckmann (1884-1950) mit seinen „wuchtigen, klaren Kompositionen“ und Otto Dix (1891-1969) mit seiner „subtilen Suggestivkraft“. Rothermel selbst hat schon einmal ein eigenes Werk als Botschaft verschenkt. Sein Triptichon „Runder Tisch“ ging an den Tschechischen Staatspräsidenten Václav Havel (1936-2011). Es sollte darauf hinweisen, dass gesellschaftliche oder revolutionäre Bewegungen, die eine wichtige Funktion haben, gern von anderen Mächten vereinnahmt und geschwächt werden.

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