„Mein Kunst-Stück“ mit Ilse Hellwig: „Die große Flucht“

Der verantwortliche Mensch

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Wenn die Insekten sterben, hat der Mensch ein Problem. Er ist Verursacher und Opfer.

Bremen - Von Ilka Langkowski. „Die große Flucht“ heißt Ilse Hellwigs Objekt, das sie in unserer Serie „Mein Kunst-Stück“ vorstellt. Senkrechte Bildreihen ergeben nebeneinander gehängt eine Wand aus Einzelmotiven. Jedes davon zeigt ein fotografiertes Insekt auf der Flucht vor dem Menschen.

„Ich mag das große Format, das sich aus den Einzelbildern ergibt“, sagt Hellwig. Das glänzende Fotopapier, auf dem die Kleinstlebewesen festgehalten wurden, hat die Künstlerin zusätzlich mit Öl- oder Acrylfarbe bearbeitet. Aufgenähte Elemente aus Stoff und Papier geben den Tierchen etwas Deckung. Vor allem Fliegen zählen zu den Protagonisten der „großen Flucht“. Die Fliege sei ein Ursprungssymbol, erklärt Hellwig. Sie zeige exemplarisch, wie achtlos wir mit Kleinstlebewesen und deren Lebensraum umgehen. In ihren früheren Werken seien immer Menschen vorgekommen. Der Mensch wurde in seiner Verletzlichkeit gezeigt. Mit Stoff und Naht flickte Hellwig seine Wunden und Risse zusammen. Auch die Werke mit den Insekten verweisen auf den Menschen. Allerdings wird er zum Verursacher und somit zum Opfer seines eigenen Handelns. Pestizideinsatz und Bienensterben liegen in seiner Verantwortung. Ihre neuen Arbeiten, in denen der Mensch nicht Opfer ist, findet Hellwig deutlich befriedigender: „Wenn ich nicht den Menschen verantwortlich mache, wen dann?“

Hellwig verwendet Holz, Draht, Band, Stoff, Eisen oder Knochen, um Elemente miteinander zu verbinden, zu verknoten oder zu vernähen. Für ihr „Hummelsterben“ beispielsweise, drapierte Hellwig tote Hummeln mit Klettband auf eine am Boden stehende Leinwand. Im Vordergrund steht grauer und neongelber Mohn. Die ergänzenden Materialien geben den Bildern eine zusätzliche Struktur und eine dritte Dimension.

Zur Kunst ist die in Rodenkirchen geborene Hellwig über einen Umweg gekommen. „Zuerst habe ich technische Zeichnerin gelernt. Das war der Wunsch meines Vaters“, erzählt sie. Hellwig entschloss sich anschließend trotzdem, Kunst in Bremen zu studieren. „Sich in so etwas Brotloses reinzuwerfen, war ein echter Schritt. Selbst innerhalb der Kunst sind Veränderungen gewagt. Da braucht man Mut zum Risiko.“

Die Herausforderung als Künstler sei es, sich eine Nische zu schaffen, in der man genügend Zeit hat, ernsthaft Kunst zu machen und dabei anderweitig seinen Lebensunterhalt zu sichern. „Ich habe das nicht hinbekommen“, sagt Hellwig und lacht. Lange Zeit hat die Wahlbremerin als Kunsttherapeutin gearbeitet. Ihre eigene Kreativität stand zurück. Erst nach dem Beruf hat sie sich wieder voll der Kunst gewidmet.

Als Künstlerin arbeitet Hellwig genauso diszipliniert, wie sie es woanders auch tun würde. Da verhalte sie sich ähnlich konzentriert wie eine Katze, sagt sie. „Habe ich ein Projekt, arbeite ich lang und viel. Denn wenn ich aufhöre, ist der Faden gerissen. Wenn man wenig arbeitet, versiegen die Ideen.“ Die entstünden häufig während der Arbeit.

Ohne Kunst, meint Hellwig, könne der Mensch nicht leben. „Das Kreative steckt in uns drin. Es muss wie beim Essen und Trinken befriedigt werden. Ich glaube, es gibt keine Kultur, die nicht Wandmalereien oder Tänze gehabt hätte. Ohne Kunst würde etwas verkümmern.“

Künstler, die Hellwig beeinflussten sind Joseph Beuys (1921–1986) und der Schweizer Maler und Bildhauer Alberto Giacometti (1901–1966). Giacometti thematisierte die Verletzbarkeit in seinen Werken. Hellwigs Interesse an dem Aktionskünstler, Maler, Bildhauer und Kunsttheoretiker Beuys wurde geweckt, als Mitstudenten sagten: „Du malst ja wie Joseph Beuys.“ Bis dahin kannte Hellwig Beuys noch gar nicht.

Wenn Hellwig jemandem eine Arbeit als Botschaft schicken sollte, dann ginge das „Hummelsterben“ an die Regierungsparteien. „Dann können die ja mal gucken, was sie damit anfangen können.“

www.ilse-hellwig.de

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