Mehr als 300 Teilnehmer besuchen die „Lange Nacht der Industrie“

Roboter und Romantik

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Ein Blick in den Ofen verrät, dass hier nichts so rauskommt, wie es reingekommen ist.

Bremen - Von Steffen Koller. Staunen, entdecken, nachhaken: Bei der siebten Auflage der „Langen Nacht der Industrie“ erforschten am Donnerstagabend mehr als 300 Teilnehmer Industrieunternehmen in Bremen. Dabei gab es neben Fertigungsanlagen, die aussehen, als seien sie einem futuristischen Comic entsprungen, auch einen Hauch Romantik.

Die Reise beginnt ganz unten, dort, wo der Müll ankommt und in riesige Lager gestopft wird. Es riecht nach verdorbenen Lebensmitteln. Leichter Nebel liegt über dem Mittelkalorik-Kraftwerk der SWB (früher: Stadtwerke) am Bremer Hafen. Seit 2009 ist die Müllverbrennungsanlage in Betrieb und liefert Strom sowie Fernwärme. Was nicht recycelt werden kann, dennoch einen relativ hohen Brennwert besitzt, kommt täglich in unzähligen Lkw-Ladungen an. Etwa 1000 Tonnen seien das täglich, sagt Felix Mahn (38), der heute rund 50 Besucher durch das Werk führt.

Es wird stickig, tropisch heiß und laut. Doch das wissen die Industriebegeisterten zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Dass sie zur Belohnung einen tollen Ausblick über Bremen bei Nacht genießen dürfen, ebensowenig. Zunächst erklärt Mahn in der Leitwarte, dem Ort, an dem die Mitarbeiter die Anlage steuern und überwachen, wie genau das Kraftwerk funktioniert. Monitore hängen an der Wand, Lampen leuchten auf, Parameter werden aktualisiert. 24 Stunden am Tag sei das Werk besetzt, sagt Mahn. Rund 40 Megawatt Leistung kann die Anlage erzeugen, in der ein riesiger Ofen steht, in dem alles, was man ihm zu fressen gibt, zu Asche pulverisiert wird.

War es am Ofen heiß, wird es im Turbinenraum staubig – und vor allem laut. Mehrere hundert Meter lange Rohre verzweigen sich in der Halle, die Knie werden weich beim Blick durch die Gitterroste Richtung Boden. Doch Rettung naht. Wieder an der frischen Luft, heißt es: ab in die Kesselhalle. Fast 45 Grad herrschen hier, die Fahrt in den 86. Stock verwandelt den Fahrstuhl in eine Sauna. Doch die Anstrengung hat sich gelohnt. Aus rund 100 Meter schauen die Teilnehmer über Bremen. Ein „Wow! Das ist so wunderschön!“ lässt nicht lange auf sich warten. Ein Hauch von Romantik umgibt die Müllverbrennungsanlage.

War es beim Kraftwerk laut, staubig und stickig, erwarten die Besucher bei Mercedes auf Hochglanz polierte Karossen und Hallen, die wirken, als seien sie einer Vision aus ferner Zukunft entsprungen. 4000 Roboter wirbeln Metallteile durch die Luft, Schaltpulte, Diagnosegeräte, Greifer, Schweiß- und Nietzangen sowie für den Laien undefinierbare Konstruktionen füllen die Halle. Auf dem 150 Hektar großen Areal kann „heute nur an der Oberfläche gekratzt werden“, sagt Max Faust, der die Führung übernimmt, mit Blick auf die Ausmaße.

Aluminiumgerippe in allen Farben werden auf Bändern durch die Hallen transportiert. „Täglich verlassen das Mercedes-Werk bis zu 1500 fertige Autos“, sagt Faust. Wenn man sich die präzisen Abläufe anschaut und bedenkt, dass für die Montage eines Teils 72 Sekunden vorgesehen sind, kann man versuchen, es zu glauben. Dennoch, dieses Werk bleibt auch für die Besucher ein echtes Erlebnis – und verblüfft. „Das ist interessant, unglaublich“, sagt Mario (27) aus Bremen. Industrie, die begeistert.

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