Sambakarneval in Bremen

Maskiert die Welt verändern

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„ DIE WELT völlig umgedreht“: Trottellumme-Leiterin Angela Kolter mit jener Maske, die den Auftritt am kommenden Sonnabend anführen wird.

Bremen - Ist es ein Gamsbock? Oder ein Wolf? Oder beides? Vielleicht sogar ein Wolpertinger? Ja, wahrscheinlich sehen Wolpertinger so aus. Jene Fabelwesen also, denen unglaubliche Fähigkeiten zugeschrieben sind.

 Sie können sich unsichtbar machen, sie können fliegen, sie leben selbst dann weiter, wenn sie tödlich getroffen sind. Ein solches Wundertier bedarf es, um einen der wohl ungewöhnlichsten Auftritte beim Bremer Samba-Karneval am kommenden Sonnabend zu inszenieren. Das Maskentheater Trottellumme will mit ihrem Beitrag „Hausmensch“ die Welt auf den Kopf stellen. Zunächst beim Umzug ab 12 Uhr vom Marktplatz bis ins Viertel und anschließend bei Schaufenster-Vorführungen im Ostertor.

„Fairkehrte Welt“ heißt das Motto des diesjährigen Karnevals. „Das hat uns erstmal ein bisschen ratlos gemacht,“ räumt Trottellumme-Leiterin Angela Kolter ein. Stundenlang haben sie beim Brainstorming zusammengesessen und viele Ideen geboren und gleich wieder verworfen. Wie sollen sie Schlagworte wie „Fairen Handel“ auf Bremens eiskalter Karnevalsstrecke inszenieren? Wie die Armut, den Reichtum, die Schwellenländer, den Hunger und den Überfluss ins Jeckenvolk bringen? Wollen sich die Narren an ihrem großen Tag überhaupt damit befassen? „Wir haben für uns den Beschluss gefasst, wir schieben alle Politik vom Tisch.“

Unpolitisch ist die Trottellumme mit ihrem Beitrag dennoch nicht . Sie will die „fairkehrte Welt“ als „verkehrte Welt“ darstellen. „Wir planen die komplette Umdrehung“, sagt Angela Kolter. Die Tiere werden den Menschen an der Leine führen, die Tiere werden sich ein Stück jenes Lebensraumes zurückholen, den ihnen der Mensch genommen hat.

Eines der schmalen Wohnhäuser im Viertel. Ein langer Flur, der durch unterschiedliche Bauepochen führt, mal über wunderschön erhaltenen Terrazzo, mal über raue Holzbohlen. Eine Buchen-Treppe, die in der ersten Etage mündet, eine Stiege, die auf dem Dachboden endet. Ein bulliger Ofen mitten im Raum, der dem ganzen Atelier selbst bei gegenwärtigen Minusgraden noch eine angenehme Wärme beschert. Die Bilder, angefangen oder schon fertiggestellt, sie sind beiseite geräumt. Auch die Spielkurse und die Fortbildungen, die sonst die Szene beherrschen, sie haben mit all ihren Utensilien das Feld geräumt. Jetzt ziehen die Masken alle Blicke auf sich. Als erstes natürlich der Wolpertinger, den die Gruppe allerdings nicht als Wolpertinger versteht.

„Es ist die Stierfigur, es ist „Der Gehörnte“. Er wird unsere Gruppe anführen,“ sagt Angela Kolter. Die Tiere werden nicht niedlich aussehen, sie werden nicht verschmust sein. Wer seinen Lebensraum zurückholen will, der muss grimmig dreinschauen. „Also haben wir die Oberfläche der Masken mit Asche bearbeitet.“ Und die Tiere haben sich schon ein bisschen dessen zurückgeholt, was ihnen genommen war. Sie tragen echte Nerze als Haarkranz. Und selbstverständlich werden sie in echten Pelzmänteln durch die Stadt tigern.

Und die Menschen? „Sie kommen nicht so gut weg. Zunächst wollten wir ihnen Plastiktüten überziehen. Aber das erschien uns zu laut, zu kreischend.“ Die Menschen-Figuren im Trottellumme-Beitrag, sie werden kommenden Sonnabend im „letzten Hemd“ zu sehen sein. „Die Tiere nehmen sich den Menschen als Hausmenschen, der ab jetzt so manche Dressur und Käfighaltung über sich ergehen lassen muss.“

Ganz traditionell haben sie in den vergangenen Monaten gearbeitet, die acht Gruppenmitglieder von der Krankenschwester über die Geschäftsführerin bis zur Erzieherin. Sie haben zunächst das Tonmodell geformt, ehe sie nach Basler Vorbild Maskenpapier in mehreren Lagen darüber kaschierten. „Seit mehr als einem Jahrzehnt arbeiten wir zusammen. Einige der Teilnehmerinnen haben keinen so weiten Weg, sie leben im Viertel, andere reisen an, aus dem Bremer Speckgürtel zum Beispiel,“ sagt Angela Kolter. Sie selbst hat Erfahrung im Theater gesammelt, hat eine Tanzausbildung absolviert, und hat nun beides zusammen geführt, wie sie sagt. „Beim Maskenspiel verschmelzen Tanz und Theater.“ Das war schon bei den ersten gemeinsamen Auftritten der Fall, damals noch bei den legendären Freinächten, das hat sich bei zahlreichen Gastspielen in der ganzen Region fortgesetzt, und das ist beim Samba-Karneval so geblieben.

Die Trottellumme weiß, was ihr kommenden Sonnabend blüht. „Es wird anders sein, als bei früheren Auftritten.“ Vor vier Jahren beispielsweise, als das Wort „Rot“ zum Karnevalsmotto gekürt wurde, und die Gruppe mit einem Cancan durch die Straßen tobte. Damals war der Jubel der Massen, der bei ihrem Auftritt aufbranden würde, er war eigentlich vorprogrammiert. „Diesmal kann es uns passieren, dass wir vielleicht bei den Kindern ein verschrecktes Gesicht hinterlassen könnten. Wir werden also behutsamer sein.“ Ein Risiko, das ihnen kalkulierbar erscheint. Maskentheater darf böse sein, vor allem dann, wenn es eigentlich demaskiert.

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