Der Mann fürs Gleichgewicht

Von Waagen, die nur Kilogramm anzeigen, bis hin zu Waagen, die ganz präzise Grammunterschiede angeben können: Siegfried Austel repariert sie alle. Foto: WFB/JÖRG SARBACH

Bei manchen zählt jedes Milligramm, bei anderen muss das Gewicht nur kiloweise stimmen. Ob präzise oder „Pi mal Daumen“ – ohne Waagen wären die Menschen in vielen Lebensbereichen aufgeschmissen. Hakt es bei Zünglein, Hebel oder Zeiger, greift der Bremer Waagenbaumeister Siegfried Austel ein.

VON BERIT BÖHME

Bremen – Siegfried Austel lebt inmitten Hunderter von Waagen. Der Bremer kann sich an den vielfältigen Messgeräten nicht sattsehen. Am liebsten sind dem Waagenbauer die mechanischen Modelle, die er mit Ruhe und Geschick repariert und justiert. Mit seiner Arbeit macht Austel viele Gewerbetreibende und Privatleute in Bremen und „umzu“ glücklich: Er ist einer der wenigen noch tätigen Waagenbaumeister überhaupt.

Der letzte Dino

„Ich bin quasi der letzte Dinosaurier“, sagt der 67-Jährige und zieht genussvoll an seiner Pfeife. „Ich hab‘ mich über die Zeit retten können.“ „Austel ist ein Unikum“, bestätigt die Leiterin des Bremer Eichamts, Elke Kupka. „Hier in Bremen gibt es sonst niemanden mehr, der noch rein mechanische Waagen für die Verwendung im eichpflichtigen Verkehr herrichtet. Er ist auf einem Gebiet aktiv, das ein aussterbender Zweig ist, da elektronische Technik die alten mechanischen Waagen mit der Zeit bis auf wenige Ausnahmen verdrängt hat.“

Der Bremer kümmert sich sowohl um mechanische als auch um moderne elektronische Waagen. Sein Herz hängt allerdings an den analogen Modellen. Bei elektronischen Waagen müsse meist nur ein Teil getauscht werden. „Das kann jeder“, meint er. Bei den traditionellen Waagen ist hingegen handwerkliches Geschick gefragt.

Sein Meisterstück

„Die alten Waagen sind viel robuster als die heutigen elektronischen“, sagt Austel. Stolz blickt er auf sein Meisterstück, das einen Ehrenplatz auf dem Tischchen neben seinem Sessel hat. An der Tafelwaage tüftelte er zwei Jahre lang, bis alles ganz genau stimmte. Alle Teile sind handgefertigt, der Wägebereich liegt zwischen 50 Gramm und fünf Kilo.

Hoheitliche Aufgabe

Austel ist seit mehr als 30 Jahren selbstständig. Er sorgt dafür, dass gewerblich genutzte Waagen die Prüfung des Eichamts bestehen. Die Eichung ist bei den meisten Waagentypen alle zwei Jahre fällig. „Eichen ist eine hoheitliche Aufgabe“, sagt Kupka. „Es gibt vier Genauigkeitsklassen, die eichfähig sind: Feinwaage, Präzisionswaage, Handelswaage und Grobwaage.“ Zur gängigsten Klasse gehören die Handelswaagen. Sie machen rund 90 Prozent der zu eichenden Geräte aus. Austel verfügt in seiner hauseigenen Werkstatt über ein umfangreiches Ersatzteillager. Es speist sich aus ausrangierten, ausgeschlachteten Messgeräten. Fehlt dennoch mal eine Komponente, baut der Mechaniker sie kurzerhand selbst.

In seinem Job muss Austel jedoch nicht nur filigran arbeiten. Zum Justieren der Waagen hantiert er teilweise mit sehr schweren Gewichten. „Das ist mein Sport“, meint er lachend. Oft kommen bei den Eichterminen Austels eigene Gewichte zum Einsatz, manchmal aber auch die des Eichamt-Mitarbeiters. Damit alles mit rechten Dingen zugeht, muss Austel seine Gewichte jährlich beim Eichamt vorstellen, prüfen und stempeln lassen. Das genaue Hinschauen des Eichamts ist keine behördliche Schikane, sondern soll für einen fairen Wettbewerb sorgen. „Es schützt den Verkäufer wie den Verbraucher“, sagt Fachfrau Elke Kupka.

Berufung

Waagenbauer ist für den 67-Jährigen mehr als ein Beruf, es ist seine Berufung. „Man freut sich über jede Waage. Die Waagen wieder zum Leben zu erwecken, das vereinnahmt einen. Man kann abschalten.“ Manchmal baut der Gleichgewichtsexperte Geräte auch zu Dekorationsstücken um. Er repariert und bastelt nicht nur. „Ich habe immer schon gesammelt“, sagt er. „Ich habe schon auf dem Flohmarkt schöne Sachen erstanden, für ein Ei und ein Butterbrot.“ Manches Stück rettet er vom Sperrmüll, manches Messinstrument bekommt er geschenkt. Austels Waagensammlung füllt einige Räume seines Reihenhauses in Walle. Die ältesten Waagen stammen aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, die jüngsten aus der Milleniumszeit. Die Sammlung umfasst diverse Waagentypen, von der Edelsteinwaage über Federwaagen, Tafelwaagen und römischen Schnellwaagen bis hin zu historischen Personenwaagen und Sitzwaagen. Letztere sind bis heute in Kliniken im Gebrauch. Flankiert werden die Waagen von etlichen Gewichten.

Lieblingsstücke

Austel hat ein paar Lieblingsstücke. „Im Keller steht eine richtig schöne kleine Dezimalwaage, wo Kaffee drauf gewogen wurde“, schwärmt er. Im Volksmund werden Dezimalwaagen auch Sackwaagen genannt. Stolz ist er auch auf die weitaus zierlichere Edamer Käsewaage. Austel teilt seine Waagenfreude zuweilen mit der Öffentlichkeit. „Ich hab‘ hin und wieder mal eine Ausstellung“, sagt der Meister.

Mechanische Waagen verschwinden zusehends. Aber so lange sie das Eichsiegel bekommen und die Fehlergrenzen einhalten, dürfen sie weiterhin gewerblich genutzt werden.

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