Clan-Kriminalität: Sieben Razzien seit September

Die Bombe des Bremer Innensenators

Polizisten vor einem Gebäude im Bremer Stadtteil Hemelingen. Am Donnerstag hatte es die siebte große Razzia gegen Drogenhandel und Clan-Kriminalität seit September vorigen Jahres gegeben.
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Polizisten vor einem Gebäude im Bremer Stadtteil Hemelingen. Am Donnerstag hatte es die siebte große Razzia gegen Drogenhandel und Clan-Kriminalität seit September vorigen Jahres gegeben.

Ein empfindlicher Schlag gegen Drogenhandel und Clans – so sehen Innensenator und Polizei die Bilanz von insgesamt sieben großen Razzien, die es seit September gegegen hat. Es sei gelungen, auch führende Kräfte in Haft zu nehmen. Unter den Beschuldigten sind auch zwei Polizeibeamte. Gegen solche Angriffe der Organisierten Kriminalität sei kein Organ gefeit, hieß es am Freitag.

Bremen – „Wie eine Bombe“ habe die Großrazzia am Donnerstag im Clan-Milieu eingeschlagen, sagte Innensenator Ulrich Mäurer (SPD) am Freitag. Polizei, Bundeskriminalamt und Steuerfahnder hatten 23 Wohn- und Geschäftsgebäude in Bremen und im Umland durchsucht. Seit September vorigen Jahres habe es insgesamt sieben solcher Polizeiaktionen gegen Drogenhandel und Clan-Kriminalität gegeben. Dabei seien mehr als 20 Haftbefehle vollstreckt worden.

Drogenhandel gehört mit zur Kernkompetenz dieser Clans“, so Mäurer am Freitag. Der Kampf gegen den Drogenhandel und der Kampf gegen die Clan-Kriminalität seien „untrennbar“ miteinander verbunden. Nun habe man indes eine „neue Situation“ und die „Chance, flächendeckend gegen Organisierte Kriminalität und Clans vorzugehen“, sagte Mäurer.

Die „neue Situation“ hat vor allem damit zu tun, dass es französischen und holländischen Ermittlern im vergangenen Jahr gelungen ist, Krypto-Handys („Encrochat“) zu knacken. Drogenhändler haben über das verschlüsselte System lange Zeit ihre Geschäfte abgewickelt. „Das ist so etwas wie ein Whatsapp für Kriminelle“, so Mäurer.

„Bremen ist ein Hotspot im Drogenhandel“

Etwa acht Millionen Nachrichten leiteten die Franzosen an das Bundeskriminalamt weiter. Bremen hat von diesem „Schatz“ (Mäurer) eine Menge abbekommen, ist „überproportional beteiligt“, so Jürgen Osmers, Chef des Landeskriminalamts.

„Bremen und Bremerhaven sind ein Hotspot im Drogenhandel, weil wir die Häfen haben. Das sind die Umschlagplätze in diesem Spiel der Drogenkartelle“, sagte Senator Mäurer. „Es werden große Prozesse folgen, da geht es um Tonnen, die verschoben werden.“ Mäurer berichtete von Verhältnissen, in denen „Kinder mit Geldscheinen spielen“, weil der Vater eine Geldzählmaschine ins Kinderzimmer gestellt habe.

Ob die von Mäurer angekündigten „großen Prozesse“ auch zu großen Ergebnissen führen, steht dahin. In verschiedenen Bremer Verfahren, in denen es bereits um „Encrochat“-Daten geht, bezweifeln die Verteidiger die Verwertbarkeit der aus Frankreich gelieferten Daten. Auf dieses Thema angesprochen, sagte Polizeivizepräsident Dirk Fasse, die Entscheidung über die Verwertbarkeit sei „keine Aufgabe der Polizei“, sondern – eben – der Gerichte.

„Trend“: Geld aus Drogengeschäften fließt in Immobilien

Vor den Durchsuchungen mussten die Bremer Ermittler erst einmal herausfinden, welche realen Personen hinter den in der „Encrochat“-Kommunikation genutzten Phantasienamen stecken. Es sei gelungen, „sechs führende Köpfe der in Bremen erkannten Strukturen“ in Untersuchungshaft zu nehmen, sagte Osmers. Die Einsatzkräfte hätten 13 Kilogramm an Drogen direkt sichergestellt, eine halbe Million Euro an Bargeld und 60 Autos. Zehn Immobilien seien behördlicherseits mit Hypotheken belastet worden. Es sei ein „Trend“, so Osmers, Gewinne aus Drogengeschäften in Immobilien anzulegen.

Kleines Arsenal: Tisch mit Waffenfunden aus den Razzien im Bremer Clan-Milieu.

Die Aktionen seit September hätten „sehr hierarchische Strukturen“ ans Licht gebracht, berichtete Polizeivizepräsident Fasse. Ein „gemeinsames Abstammungsverständnis“ definiere Normen und Werte und mache zugleich „die Abschottung sehr hoch“. Fasse: „Wer nicht zur Familie gehört, nimmt auch nicht an den Geschäften teil.“

Beschuldigte Polizeibeamte haben „klare Grenzen überschritten“

Es bleibt die Frage, inwieweit Angehörige der Bremer Polizei „zur Familie gehört“ haben. Auch bei zwei Beamten – einem Mann (36) und einer Frau (40) – war am Donnerstag durchsucht worden. Disziplinarverfahren sind eröffnet, beide mussten Polizeimarke und Waffe abgeben – „wie man‘s auch im schlechten Krimi sieht“, sagte Fasse, der die Vorfälle als „heftig“ bezeichnete. Korruption sei der Organisierten Kriminalität „immanent“. Vor „diesen Angriffen“ sei „niemand“ gefeit – auch „kein Organ“.

Fasse: „Wir haben die Erkenntnisse über kriminelle Handlungen unserer Mitarbeiter im September erhalten.“ Seither sei gegen sie ermittelt worden. „Da sind klare Grenzen überschritten worden. Es ist ein großer Schaden entstanden für all die Beamten, die sich vernünftig verhalten und gegen solche Angriffe stemmen.“

Die Beschuldigten sollen Dienstgeheimnisse verraten haben. Dem Mann wird zudem Geldwäsche und Betrug vorgeworfen. Er glaube nicht, dass der Beamte noch einmal bei der Polizei arbeiten werde, sagte Innensenator Mäurer. Ermittlungen richten sich zudem auch gegen Bankbeschäftigte. Einzelheiten dazu wurden am Freitag nicht genannt.

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