Grass-Stiftung: Amtsgericht Bremen verhandelt über 80 Untreue-Fälle

Luxusleben auf Stiftungskosten?

Nachdem die Günter-Grass-Stiftung lange Zeit auf dem Gelände der Jacobs-Uni zu finden war, zieht das Medienarchiv nun bald in das K-Gebäude (rechts) auf dem ehemaligen Kellogg´s-Gelände.
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Nachdem die Günter-Grass-Stiftung lange Zeit auf dem Gelände der Jacobs-Uni zu finden war, zieht das Medienarchiv nun bald in das K-Gebäude (rechts) auf dem ehemaligen Kellogg´s-Gelände.

Bremen – Sie ließen es sich gut gehen – wohl auf Kosten anderer. Doch bezahlt haben sie ihr Leben im Luxus bis heute nur in Teilen. Ein angeklagtes Ehepaar sollte am Freitag eigentlich zur Verhandlung am Amtsgericht Bremen erscheinen. Die Vorwürfe: Untreue in 80 Fällen und Betrug. Doch der ehemalige Jura-Professor der Uni Bremen und seine Ehefrau blieben dem Prozess unentschuldigt fern. Nun erließ das Amtsgericht einen Strafbefehl.

Verwunderung, ungeduldiges Warten. 9.20 Uhr, Saal 251 des Bremer Amtsgerichts. Längst sollten der Ex-Uni-Professor und seine Ehefrau dem Prozess beiwohnen, der sich gegen sie richtet. Doch die Angeklagten werden nicht erscheinen. Nur die Anwälte der ehemaligen Leiterin der Günter-Grass-Stiftung und des mittlerweile in den Ruhestand verabschiedeten Jura-Professors sind da. Unterbrechung der Verhandlung. „Kurzes Rechtsgespräch“, sagt die Richterin, „bitte alle den Saal verlassen.“ Wenig später steht fest: Das Gericht erlässt einen Strafbefehl wegen Untreue gegen das Paar. Jeweils ein Jahr Haft auf Bewährung sowie Geldstrafen von 120 Tagessätzen zu je zehn Euro für die Angeklagte und 20 Euro für ihren Mann – so lautet die Entscheidung des Gerichts.

Gericht verhandelt über Untreue bei Bremer Grass-Stiftung: Geld fließt auf Privatkonten

Blickt man auf die Vorwürfe – und die damit verbundenen Höchststrafen von zehn Jahren Haft – kann man wohl sagen, dass die beiden mit der Entscheidung gut bedient sind. Der Frau, die von 2014 bis 2017 als Geschäftsführerin der Günter-Grass-Stiftung in Bremen fungierte, wird vorgeworfen, in 31 Fällen Stiftungsgelder für eigene Zwecke veruntreut zu haben. Laut Anklage hatte die Frau im Jahr 2017 als Leiterin der Stiftung und der damit verbundenen uneingeschränkten Kontovollmacht Geldbeträge abgehoben und als Einzahlung in die Bargeldkasse deklariert. Jedoch fand das Geld nie den Weg dorthin, vielmehr flossen so mehr als 23 500 Euro – etwa ein Drittel des jährlichen Stiftungsetats – auf die Privatkonten des Ehepaars. Laut Anklage soll sie ihr Mann dazu angestiftet haben, er muss sich wegen Anstiftung zur Untreue verantworten.

Leere Anklagebank: Das Ehepaar, das sich in 80 Fällen der Untreue verantworten muss, erschien nicht zum Prozessauftakt. Lediglich die Anwälte kamen.

Zumindest zivilrechtlich ist der Fall um die ehemalige Geschäftsführerin unstrittig. Nachdem die Frau durch den Stiftungsvorstand abberufen wurde, unterschrieben die Eheleute ein gemeinschaftliches Schuldanerkenntnis. Das Geld sollte noch im Oktober 2017 zurückgezahlt werden – bis heute trafen die exakt 23 660,16 Euro nie ein, heißt es am Freitag. Wie die Stiftung, die Werke von Günter Grass sammelt und dokumentiert, warten auch Handwerker bis heute auf knapp 6 000 Euro, die sie dem Ehepaar nach Arbeiten an einem Haus in Oberneuland in Rechnung gestellt hatten. Laut Anklage beauftragte das Paar die Männer, obwohl es genau wusste, dass es die Kosten nie begleichen konnte. Zu diesem Zeitpunkt, so scheint es, waren die Eheleute wohl bereits zahlungsunfähig.

Gericht verhandelt über Untreue bei Bremer Grass-Stiftung: Geld von Konten der Kinder abgehoben

Und auch vor seinen eigenen Kindern machte das Duo wohl nicht Halt. In 49 Fällen sollen die Angeklagten Geld, was die zu diesem Zeitpunkt noch minderjährigen Zwillinge durch ein Vermächtnis erhalten hatten, von den Konten der Kinder abgehoben und auf andere Konten der Kinder überwiesen haben. Im Anschluss sollen die Eltern die umgebuchten Beträge per Barscheck oder durch Abhebung auf eigene Konten eingezahlt haben. Insgesamt entstand den Kindern dadurch ein Schaden von mehr als 57 000 Euro, so die Vorwürfe.

„Die Angeklagten haben nun zwei Wochen Zeit. Nehmen sie den Strafbefehl an, ist das Verfahren beendet. Legen sie Einspruch ein, beginnt die Verhandlung von vorn“, so Amtsgerichtssprecherin Cosima Freter. Vor dem Hintergrund, dass der Strafbefehl nicht nur die einjährige Bewährungsstrafe und Geldstrafen für die Eheleute beinhaltet, sondern auch die Einziehung von Vermögenswerten in Höhe von 81 000 Euro, also die Summe des veruntreuten Geldes, ist es zumindest fraglich, ob die strafrechtliche Aufarbeitung damit abgeschlossen ist. Denn Geld scheint ja keins da zu sein.

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