Serie Verschwunden

Löwen und Lamas - der Bremer Tierpark scheitert an Verkehrsproblemen

Tiger und Affen, Löwen und Lamas – etwa 1 000 Tiere leben in den Gehegen und Gebäuden des Bremer Tierparks. Hier der Titel eines Zoohefts. Foto: ARCHIV
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Tiger und Affen, Löwen und Lamas – etwa 1 000 Tiere leben in den Gehegen und Gebäuden des Bremer Tierparks. Hier der Titel eines Zoohefts.

Bremen - Die Geschichte klingt ein wenig abenteuerlich. Und womöglich war sie das auch: Wer heute durch den Achterdiekpark in Oberneuland spaziert, ahnt vielleicht nicht, dass hier einmal Tiger und Elefanten lebten. Im Bremer Tierpark nämlich. Der allerdings ist längst verschwunden – und nun Thema in unserer Serie.

Anfang der 60er Jahre taucht der indische (oder – je nach Quelle – pakistanische) Großtierhändler George Munro in Bremen auf. 1965 gründet der Händler die „Bremer Tierpark KG“. Schon ein Jahr zuvor war ein Verein mit dem Namen „Aufbau Bremer Tierpark“ ins Leben gerufen worden, der schnell gut 3 000 Mitglieder gefunden hat. Viele Bremer sind gespannt auf den Tierpark. Zehntausende besichtigen die Anlage schon in der Bauphase.

Am 7. April 1966 ist er dann gekommen, der große Tag: Eröffnung auf dem Areal zwischen Franz-Schütte-Allee und Autobahn, Bahnlinie und Nedderland! Etwa 1 000 Tiere leben nun in den Gehegen und Gebäuden auf dem 50 000 Quadratmeter großen Grundstück mit mehreren frisch angelegten Seen: Affen und Antilopen, Elefanten und Kamele, Leoparden und exotische Vögel, Löwen und Lamas. Die ersten von ihnen waren bereits im August 1965 mit drei Frachtfliegern aus Kalkutta in die Hansestadt gebracht worden.

Die Eröffnung gleicht einem Spektakel. Aus Hamburg ist Dietrich Hagenbeck angereist, auch aus Italien sind Zoodirektoren gekommen. Anschließend wird der Bremer Tierpark förmlich überrannt. Besonders an den Wochenenden führt das zu bisweilen chaotischen Verhältnissen. In Zweier- und Dreierreihen parken die Autos an der Franz-Schütte-Allee, die Straßen rund um den Zoo sind verstopft, manche Besucher dringen gar nicht durch bis zu ihrem Ziel.

Volle Straßen und fehlende Parkplätze machen dem Zoo von Anfang an zu schaffen. Es gibt professionell aufgemachte Tierparkführer und Zoohefte, die regelmäßig erscheinen – Munro hat offenbar an alles gedacht, nur an eine funktionierende Verkehrsanbindung nicht. Vielleicht lag es auch nicht in seiner Hand. Munro ließ eine Schmalspurbahn vom Achterdiek zum Zooeingang fahren. Viele Besucher aber hatten schon Probleme, überhaupt zum Achterdiek zu kommen. Die Busse fuhren nur bis zur Neuen Vahr Nord, dann kam erstmal die Autobahn. Eine Fußgängerbrücke, auf die Munro spekuliert hatte, baute Bremen nicht – jedenfalls jetzt noch nicht. 1969 wollte George Munro gegensteuern. Er schaffte einen Borgward-Bus an, ließ ihn mit Tierpark-Schriftzug und Elefanten verzieren und zwischen Marcusallee und Zoo pendeln.

Es half alles nichts mehr. Schon 1967 war die Finanzlage des Bremer Tierparks kritisch geworden. Bremen sprang mit Kapitalhilfen ein. Munro war gerade auf Expedition in Indien. Im Sommer 1967 kommt der Zoo mal nicht mit Verkehrs- oder Finanzproblemen in die Schlagzeilen – sondern mit sechs Rhesusaffen, die aus dem Zoo türmen, um durch die Gärten Oberneulands zu toben.

1969 gründen Bremer Bürger einen Tierpark-Förderverein. Die Schauspielerin Judy Winter, in den 60ern am Theater Bremen, übernimmt den Vorsitz. Doch der Tierpark-Konkurs ist nicht aufzuhalten. Das Ende kommt im Frühjahr 1973. Munro, der später nach Belgien geht, bleibt zunächst im Besitz der Tiere. Die meisten von ihnen werden versteigert – bringen aber nur 38 000 Mark ein, deutlich weniger als erwartet. Die Stadt übernimmt schließlich das Areal, das in der folgenden Zeit zunehmend verwahrlost, zur wilden Müllkippe wird – bis eine Bürgerinitiative es mit großem Engagement wieder herrichtet.

Aus der Initiative erwächst 1976 der Verein Achterdiekpark (anfangs: „Vereinigung zum Schutz des ehemaligen Tierparkgeländes“), der sich seither um das Areal kümmert – „eine gemeinnützige, unabhängige Bürgerinitiative für Natur, Umwelt und Erholung“, wie es auf der Homepage des Vereins heute heißt. In diesem Jahr geht ein Sechzehntel des Erlöses der Bürgerpark-Tombola an den Achterdiekpark.

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