„Mein Kunst-Stück“ mit Edeltraut Rath: „Question et réponse“

Liegender Paragraph

Edeltraut Rath im Jura-Foyer. Bei genauem Hinsehen erkennt man den Paragraphen. - Foto: Langkowski

Bremen - Von Ilka Langkowski. „Question et réponse“ heißt Edeltraut Raths Wandbild, das sie in unserer Serie „Mein Kunst-Stück“ vorstellt. Es reicht über vier Wände des Fachbereichs Jura der Uni Bremen. Seit 2007 schmücken Raths Schriftzüge und Farbfelder den Eingangsbereich.

Die Wörter „Recht“ und „Gerechtigkeit“ malte Edeltraut Rath für „Question et réponse“ in mehr als 40 Sprachen auf zwei Wände des Foyers der Rechtswissenschaften. Die beiden gegenüberliegenden Wände versah sie mit Farbflächen, die durch übergroße und überlagerte Paragrafenzeichen entstanden sind. So bilden Frage (französisch: „question“) und Antwort („réponse“) einen künstlerischen Dialog im Raum.

Zusammen mit der Uni Bremen erarbeitete Rath die Gestaltung des Foyers. Als Symbol wählte die Künstlerin den Gesetzesparagraphen. Am Computer drehte sie das juristische Zeichen auf den Rücken. Sie vervielfältigte das Symbol, gab ihm transparente Farben, verschob und überlagerte sie. So schuf sie geschwungene Farbfelder, in deren Schnittmengen neue Farbtöne entstanden. Das Symbol selbst ist so groß und so häufig durchbrochen, dass es als abgeschlossene Form nicht auf den ersten Blick aufdrängt.

Farbmischung und Überlagerungen interessieren Rath. Es ist ihr Grundthema. Genauso gern malt sie aber auch große Flächen. Ihre Wandmalereien im öffentlichen Raum findet man in Tunneln, an Schulen und an Wohnhäusern. „Je größer das Format, desto besser“, sagt Rath.

Auf die Kunst gekommen ist sie zum einen durch Talent und zum anderen durch eine gefährdete Versetzung. Da zog die junge Edeltraud Rath es vor, mit 16 Jahren zur Kunstakademie zu gehen statt eine Lehre zu beginnen. Freies und experimentelles Arbeiten lernte sie während ihres Kunststudiums nicht. „Damals dominierte ein politischer Realismus der Darstellungen“, sagt Rath. Irgendwann wollte sie weg vom abbildhaften Malen, und heute sind ihre Bilder abstrakt. „Ich habe rund 14 Jahre gebraucht, bis ich nicht mehr gegenständlich gemalt habe“, erzählt sie. Geholfen habe ihr ein Zweitstudium in Kunst und Musik. Über sehr minimalistische musikalische Kompositionen fand sie selbst zur Abstraktion.

Die Herausforderungen des Künstlerlebens liegen in den unsicheren Einkommensverhältnissen. „Dass das bis heute geklappt hat, wundert mich selbst immer wieder“, sagt sie amüsiert. Außerdem seien die Aufgaben neben dem künstlerischen Schaffen mannigfaltig. So schaufelt sich Rath regelrecht Zeit für die Kunst frei, arbeitet zielgerichtet und fast nie mit Muße.

Ob wir Kunst brauchen? „Ja“, sagt Rath. „Kunst wirkt anregend und weckt Empfindungen. Das haben alle Künste gemeinsam.“ Zu den Künstlern, die für Rath besonders bedeutend sind, zählen die schwedische Malerin Hilma af Klint (1862 bis 1944) und der US-Amerikaner Sol LeWitt (1928 bis 2007). Klint gefällt Rath wegen ihrer abstrakten Formen mit eher organischer Struktur, die außerdem etwas mystisch wirken. Sol LeWitt arbeitet hingen fast naturwissenschaftlich streng mit einfachen Objekten in großen Dimensionen. Seine weißen, stufenförmigen „Three Triangels“ stehen vor dem Teerhof auf der Bürgermeister-Smidt-Brücke.

Wenn Rath jemandem ein Bild als Botschaft schicken sollte, dann ginge „Question et réponse“ an den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan an. „Insbesondere, wo hier gerade das Transparent im Foyer hängt“, sagt die Künstlerin. „Und mit der Botschaft, dass es aus meiner Sicht in seinem Land Recht und Gerechtigkeit nicht mehr gibt.“

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