„Verschwunden“: Bremens Denkmalpfleger sorgt sich um die Nachkriegsarchitektur

In lichtlosen Schluchten

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Seit 1962 an der Weser und nun dem Abriss geweiht – der Kühne-und-Nagel-Bau des Hamburger Architekten Cäsar Pinnau (1906 bis 1988). Pinnau hatte in der NS-Zeit für Albert Speer gearbeitet, was ihm sein Leben lang Kritik eintrug.

Bremen - Von Thomas Kuzaj. Bremens Landeskonservator Professor Georg Skalecki sorgt sich um die Architektur der Nachkriegsjahre. Er sieht sie durch eine um sich greifende „Hochhausmanie“ gefährdet, sagte er gestern bei der Präsentation eines neuen Bands der Schriftenreihe „Denkmalpflege in Bremen“ – heute Thema unserer Serie „Verschwunden“.

Historismus und Gründerzeit sind eigentlich der Schwerpunkt dieses Bands. Der Hauptbahnhof und die Kaiserliche Post an der Domsheide, das Landgerichtsgebäude, die „Umgedrehte Kommode“ und die Baumwollbörse sind stadtbildprägende Zeugnisse dieser Zeit. Andere – wie der in dieser Serie schon behandelte Sitz des Norddeutschen Lloyd (NDL) an der Papenstraße – sind verschwunden.

Als Architekturströmung setzt der Historismus mit seinem teils üppigen Schmuck und Zierrat zur Mitte des 19. Jahrhunderts ein. Die Epoche endet mit Beginn des Ersten Weltkriegs. Da hatten sich viele schon sattgesehen an dem historisierenden Stil. Johann Georg Poppe (1837 bis 1915), lange Zeit so etwas wie der Star-Architekt des Bremer Bürgertums, stand da mit seinen prunkenden Repräsentationsbauten – darunter eben das Lloydgebäude und die Baumwollbörse – schon in der Kritik.

Die Star-Architekten der Gegenwart sind es aber, die Denkmalpfleger Skalecki im (kritischen) Blick hat. Zu Architekturthemen hat er sich bereits verschiedentlich geäußert und damit Diskussionen angestoßen. Wiederholt hat Skalecki eine „ortlose Weltarchitektur“ kritisiert, ein „Bauen ohne jeden räumlichen und regionalen Bezug“. Nein, nichts gegen moderne Bauwerke – aber die Einpassung ins historisch gewachsene Umfeld müsse stimmen.

Nun steht etwa der „Weser-Tower“ (Star-Architekt: Helmut Jahn) symbolisch für einen städtebaulichen Neubeginn, nämlich für den Wandel der früheren Hafenreviere zur Überseestadt. Gleichwohl ist der Denkmalpfleger unzufrieden. In einem Interview sagte er einmal: „Bisher markierte St. Stephani den Abschluss der Altstadt. Jetzt verzerrt der ,Weser-Tower‘ die Proportionen.“

Gestern warb Skalecki einmal mehr mit Leidenschaft dafür, das gewachsene Stadtbild zu verteidigen. Es gelte, den mahnenden Finger zu erheben, so der Denkmalpfleger. Besonders die Bauwerke der Nachkriegszeit seien in Gefahr, einem „Stadtumbau“ zum Opfer zu fallen, den Skalecki in einem Grundsatzbeitrag für den neuen Band „radikaler und rücksichtsloser“ nennt „als alles, was wir bisher erlebt haben“. Ja, auch der dem Abriss geweihte Kühne-und-Nagel-Bau an der Ecke von Wilhelm-Kaisen-Brücke und Martinistraße muss in diesem Zusammenhang erwähnt werden.

„Wir laufen Gefahr, unsere historischen, wohlproportionierten und lebenswerten Städte zu verlieren, um in lichtlosen Hochhausschluchten und Beton- und Glaswüsten von kommerzialisierter Urbanität zu ersticken“, schreibt Skalecki weiter. „Denn Investoren wollen Maximalrenditen erzielen, und Architekten und Stadtplaner wollen sich verwirklichen. Wir aber sollten ihnen nicht unsere historischen Städte als Spielwiese anbieten.“

Die Gefahr sei groß: „Alle, die Geld haben, flüchten in Immobilien“, so Skalecki im Gespräch. „Immer Star-Architekten, nur der Name zählt.“ Städte würden umgekrempelt, London etwa sei „verhunzt“ worden. Nun gehe es in deutschen Städten los.

„Denkmalpflege in Bremen“, Band 13, Edition Temmen, 124 Seiten, Preis: 5,90 Euro.

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